Gefühlte Wahrheiten statt Tatsachen

Er habe, so lässt uns ein Zahnarzt kurz vor seinem Ruhestand in unserer Zeitung wissen, in seinem Leben «eine gefühlte Tonne Zahnstein entfernt».

Peter Exinger
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Rubrik "sage und schreibe" für focus (Bild: Photographer: Angela Kausche (22228734))

Rubrik "sage und schreibe" für focus (Bild: Photographer: Angela Kausche (22228734))

Er habe, so lässt uns ein Zahnarzt kurz vor seinem Ruhestand in unserer Zeitung wissen, in seinem Leben «eine gefühlte Tonne Zahnstein entfernt». Da fällt einem vor Mitgefühl doch manch ein Stein vom Herzen, nicht? Ein Berichterstatter lässt uns wissen, «gefühlte 200 Menschen befinden sich in diesem Raum». Der geübte Leser weiss: der Schreiberling hat bloss vergessen zu zählen. Wirtschaftsberichte legen Zeugnis ab von «gefühlter Inflation» – stimmt, wer fühlt sich nicht dauernd um sein wohlverdientes Geld gebracht? Selbst über die ergebnisorientierte Sportwelt steht zu lesen, dass sich ein 3:3 als «gefühlte Niederlage» herausgestellt habe oder erst der «gefühlte dritte Angriff der Mannschaft» zu einer Torchance geführt hätte, während es in der Messehalle zu St. Gallen «gefühlte 35 Grad» gehabt habe. Die Gefühlsduselei von Sportreportern gehört ja ohnehin zu den Grundübeln unseres Berufsstandes (wie auch die auch oft verquasten Formulierungskünste von Kulturredaktoren – ich darf das sagen, ich war mal selber einer) –, und für das Messen von Wärme oder Kälte hat uns die Wissenschaft doch den Thermometer vermacht…

Letzte Woche habe ich ein Schreiben erhalten. Darin heisst es: «Sehr geehrter Herr Exinger, wir haben Ihnen Eintrittskarten für nachfolgende Veranstaltung verkauft: Udo Jürgens – Mitten im Leben Tournée in Zürich, Hallenstadion, 08.03.2015 – 19.00 Uhr. Vom Veranstalter wurde uns nun bedauerlicherweise mitgeteilt, dass diese Veranstaltung abgesagt wurde.» Ich fürchte, bei dieser Formulierung handelt es sich bedauerlicherweise um gefühlten Blödsinn.