Geflohen aus der Diktatur von Papa Doc

Lesbar Haiti

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Dany Laferrière: Die Kunst, einen Schwarzen zu lieben ohne zu ermüden. Wunderhorn Verlag, 136 S., Fr. 28.–

Nach dem Roman «Das Rätsel der Rückkehr», der alles zum Klassiker karibischer Literatur hat, legt der Wunderhorn Verlag mit dem Erstling des haitianischen Autors nach. «Ich war ein junger Flüchtling aus Haiti und hatte nichts. Ich schloss mich in ein Zimmer ein mit meiner Schreibmaschine und glaubte, mein Leben auf diese Weise zu meistern». Geflohen aus der Diktatur von Papa Doc, erkundet Laferrière in Kanada seine Exilexistenz. Das «Carré Saint-Louis» von Montreal wird zum Schauplatz verrückter Begegnungen. In versifften Lokalen, Clubs und Wohnungen sucht er Inspirationen für ein eigenes Buch. Nach acht Jahren Fabrikarbeit, die die hemmungslose Lust am Träumen nicht abtötete, stürzt sich der Jungautor ins Abenteuer des Schreibens. Er vergöttert Charles Bukowski, bewundert Henry Miller. Und zum Glück sind da Bouba, der muslimische Freund und die Literatur. Sie begleiten den werdenden Schriftsteller auf seiner Suche nach der eigenen Identität. Zu entdecken ist ein schmaler Roman. Ein wildes, jazziges Buch, getippt unter dem Einfluss der Musik von Charlie Parker, John Coltrane und Archie Shepp. «Der Roman blickt mich an, neben der alten Remington, in einem ­dicken roten Ordner». Gibt es eine «schwarze» Literatur? Ja, es gibt sie und sie ist schön.

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Gary Victor: Suff und Sühne. ­Litradukt, 152 S., Fr. 17.–

Im tiefsten Sumpf eines gefallenen Landes

Die Fakten sind bekannt: US-Präsident Trump kürzt der UNO die Gelder und nach 13 Jahren zieht diese ihre Truppen aus Haiti ab. Der Einsatz der Blauhelme war von Skandalen geprägt, die Brasi­lianer nicht wirklich willkommen, die Pakistani sollen die Cholera ins Land geschleppt haben. Ge­radezu hellseherisch ermittelt Inspektor Dieuswalwe Azémar in seinem dritten Fall im Umfeld der Stabilisierungsmission Minustah. Dem heiss geliebten Zuckerrohrschnaps muss er auf Order seiner Vorgesetzten entsagen. Gary ­Victors Kriminalroman berichtet in grellen, surrealen Bildern aus dem tiefsten Sumpf eines gefallenen Landes. Aufrecht und im entscheidenden Moment auch mit der Waffe zur Hand, geht Azémar gegen die Korruption an. Im Genick immer die Angst um sein Leben.

Daniel Fuchs