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Gefährliche Lücke

Models wie Cara Delevingne zeigen es vor: Eine Lücke zwischen den Oberschenkeln ist das neue Schönheitsideal. Ein ungesunder Trend.
Diana Bula

Einst haben junge Frauen ihr Décolleté getunt. Sie stopften eine zweite Schicht Einlagen oder Taschentücher in den Push-BH. Flach wie ein Brett, nein, das wollte keine sein. Heute konzentrieren sich ihre Gedanken auf eine andere Körperregion. Ihr Augenmerk ist nach unten gewandert, am Busen, an der Taille, am Hintern vorbei – zu den Beinen. Zwischen ihnen darf nichts sein, kein Fett, keine Muskeln. Nur Luft ist erwünscht. Stehen sie gerade da (und nicht etwa in der Grätsche), berühren sich die Oberschenkel nicht. Thigh Gap nennt sich das. Zu Deutsch: Oberschenkel-Lücke.

Bei schlanken Frauen mit ausgeprägten O-Beinen mag das von Natur aus so sein, bei solchen mit gebärfreudigem Becken auch. Doch dann hört es mit der Natürlichkeit auf: Frauen mit normalem Körperbau müssen ungesund dünn sein, damit die Jeans nicht reibt zwischen den Beinen. «Mit Sport und gesunder Ernährung bringt man diese Lücke nicht hin. Man muss hungern», sagt Barbara Hausherr, Leiterin der Suchtfachstelle in St. Gallen, die auch Menschen mit Essstörungen berät.

«Süss und verrückt»

«Junge Frauen mit Thigh Gap erinnern mich an unfreiwillig unterernährte Menschen aus Afrika», sagt sie. Andere denken an hagere Models, die in Orangensaft getränkte Watte schlucken, um sich für mehrere Stunden satt zu fühlen. Die zurzeit beliebteste Thigh Gap gehört denn auch einer Laufsteg-Schönheit: Cara Delevingne. Deren Oberschenkel-Lücke hat auf Twitter einen eigenen Account und über 3800 Followers. Teenager posten auch auf Instagram und anderen Social-Media-Plattformen Fotos der 21-Jährigen und träumen davon, so dünn wie die Britin zu sein. «Sie vergessen dabei, dass das nicht das wahre Leben ist. Ebenso wenig wie die Serie <Desperate Housewives> die Realität abbildet», sagt Hausherr. Delevingne hingegen findet es nicht verwerflich, dass Frauen besessen von ihrer Thigh Gap sind – sie hält es für «süss und verrückt», wie sie gegenüber «Grazia Daily» sagte.

Skinny-Jeans und Skinny-Beine

«Je dünner, desto besser», beschreibt Hausherr das Motto des gefährlichen Trends. In Zeiten, in denen die Modeindustrie immer schmalere Hosen auf den Markt bringt, die Super-Skinny- die Skinny-Jeans abgelöst hat und jedes Fettpölsterchen abzeichnet, erstaunt das nicht. Überraschend ist jedoch die Flut an Bildern, die im Internet kursiert. Wer sich nicht mit dem Foto seines Vorbildes begnügt, lichtet sich selbst ab – in Unterwäsche vor dem Spiegel, im Bikini am Strand. Unter den Bildern stehen Vermerke wie «dünn und gross», oder «thinspiration» – ein Zusammenzug der Wörter «thin» (dünn) und «inspiration». «Wow, auf diese Figur arbeite ich hin», schreibt eine Userin. Und viele Mädchen denken vermutlich gleich.

Model ohne Lücke beschimpft

«Wenn ich eine Lücke zwischen meinen Schenkeln entdecke, weiss ich, dass ich schleunigst mehr essen sollte» oder «Mein Vorschlag an die Damenwelt: Ordentlich essen und immer schön breitbeinig hinstellen. Dann hat man eine Oberschenkel-Lücke und es kann einen trotzdem niemand umpusten»: Für Kommentare wie diese haben Thigh-Gapianerinnen nur ein müdes Lächeln übrig. Wie überzeugt sie von ihrer Mission sind, zeigt diese Episode: Als auf Facebook ein Foto des australischen Models Robyn Lawley im Korsett auftauchte, beschimpften Userinnen sie als «Schwein» und «zu fett». Das Plus-Size-Model – es war schon auf dem Titelblatt der «Vogue Italia» abgebildet und posierte für Ralph Lauren – hat in den Augen der Kritikerinnen einen Fehler: keine Thigh Gap. Lawley nutzte den Vorfall und sagte für Talkshows zu, in denen sie vor Diäten warnte.

Das mag einige tatsächlich nachdenklich stimmen, andere jedoch werden weiterhin fleissig Bilder bloggen, auf denen sich alles um Beine dreht, so dünn wie Steckchen. Auch Anleitungen, wie die Thigh Gap gelingt, sind online zu finden. Zwar steht da, dass auf dem Weg dorthin gesundheitliche Probleme auftreten könnten – etwa, wenn die Teenagerin zu wenig isst oder sie es mit Sport übertreibt. Auch: «Verstehen Sie, dass eine Oberschenkel-Lücke für die meisten Menschen aus anatomischen Gründen nie möglich sein wird.» Frauen mit schmaler Hüfte oder X-Beinen können so wenig Kalorien zu sich nehmen, wie sie wollen: Ihre Schenkel werden sich stets berühren. Thigh-Gapianerinnen beeindruckt das kaum. Sie gehen zu den Tips über, die folgen: Kräftigungsübungen absolvieren oder Lebensmittel wie Grapefruits wählen, welche die Fettverbrennung ankurbeln.

Wie Barbie? Nein, danke

Warum tun Frauen das? Um Männern zu gefallen? «Ich kann mir nicht vorstellen, dass das andere Geschlecht Frauen mit anorektischen Zügen attraktiv findet», sagt Hausherr. Parallelen zur Magersucht sieht sie durchaus: «Es beginnt mit einem Ideal. Entwickelt sich eine zu starke Leidenschaft für die Lücke, droht die Frau in die Anorexie abzurutschen.» Hausherr hofft, dass Betroffene wieder vermehrt mit Können punkten wollen und weniger mit abgemagertem Körper. Doch eben das bezweifelt man in Zeiten von ausufernder Selbstdarstellung auf Facebook und Model-Casting-Shows am TV.

Klickt man sich durch die Thigh-Gap-Fotos, schwindet die Hoffnung weiter: Meist zeigt der gewählte Ausschnitt die Partie zwischen Bauchnabel und Knie. Das Gesicht ist abgeschnitten – ist es doch mal drauf, verdeckt die Kamera es. Je länger man die Frauen betrachtet, desto mehr erinnern sie auch an Barbie, die Kult-Puppe mit zu tiefem BMI und Thigh Gap. US-Künstler Nickolay Lamm hat sich an den unrealistischen Massen der Spielzeug-Blondine gestört und eine fülligere Version entworfen. Sie ist kein bisschen weniger hübsch. Vielleicht nehmen sich junge Frauen fortan ein Beispiel an ihr – und kämpfen gegen die innere Leere statt für jene zwischen den Schenkeln.

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