Für Flüchtlinge, gegen Rassisten

Mit kreativen und deutlichen Aktionen versuchen Bürger, Prominente und Firmen eine neue Willkommenskultur für Flüchtlinge zu schaffen und damit den lautstarken Rassisten den Wind aus den Segeln zu nehmen.

Chris Gilb
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Fisherman's Friend setzt sich für eine farbenfrohe Gesellschaft ein und hat dafür eigens eine Kampagne lanciert. (Bild: pd)

Fisherman's Friend setzt sich für eine farbenfrohe Gesellschaft ein und hat dafür eigens eine Kampagne lanciert. (Bild: pd)

Mit eingenässten Jogginghosen und Fussballtrikots der deutschen Weltmeistermannschaft von 1990 bekleidet, stehen die sechs Blasmusiker beim Bundesvision-Song-Contest von Stefan Raab auf der Bühne. Sie sind Teil des Musikprojekts Gloria des deutschen Moderators Klaas Heufer-Umlauf. Mit der Aktion wollen die Mitglieder von Gloria an die Geschehnisse in Rostock Lichtenhagen 1992 erinnern, wo Rechtsradikale Plattenbauten anzündeten, in denen Asylbewerber lebten. In der Meute stand damals auch Harald Ewert. An dem sich die Band Gloria bei ihrem Kostüm orientiert. Ewert hatte damals den Hitler-Gruss gezeigt – das Foto ging um die Welt.

Yoko und Klaas gegen Rechts

Heufer-Umlauf macht mit Kollege Joko Winterscheidt in letzter Zeit andauernd mit solchen Aktionen auf den Rassismus in Deutschland aufmerksam. Dabei profitiert er wohl von seinen Erfahrungen als Moderator der Sendung «Circus Halli Galli», denn genauso schamlos, wie er dort die Grenzen der Fernsehkultur auflöst, macht er auf den Rassismus aufmerksam.

«Nennt euch, wie ihr wollt, ihr bleibt Trottel, die sich auf Kosten der Ärmsten der Armen profilieren wollen», sagt Heufer-Umlauf in einem aktuellen YouTube-Video des Moderatoren-Duos Yoko und Klaas, in dem sie sich zu ausländerfeindlicher Propaganda in den sozialen Netzwerken äussern.

Neue Geschmacksrichtungen

Auch die Marke Fisherman's Friend bezieht deutlich Stellung gegen die braunen Machenschaften. «Sind sie zu stark, bist du zu schwach» heisst der allseits bekannte Werbeslogan der scharfen Fisherman's-Friend-Pastillen. «Sind sie zu bunt, bist du zu braun», heisst die abgewandelte Version, die die Marke als Reaktion auf die Geschehnisse im deutschen Heidenau auf ihrer Facebook-Seite veröffentlicht hat.

Entwickelt wurde die Aktion von einer Werbeagentur. Über dem abgewandelten Slogan sind Fisherman's-Packungen zu sehen, auf denen unter dem Namen der Firma «Toleranz – mehr Vielfalt für Deutschland» als Geschmacksrichtung steht. Leider plant das Unternehmen nicht, mit den neuen Packungen in Produktion zugehen. Viele positive Facebook-Kommentare hat sie dem Unternehmen jedoch schon eingebracht. So schreibt eine Nutzerin, dass sie zwar im Leben noch nie Fisherman's Friend gelutscht habe, aufgrund dieser Aktion jedoch ernsthaft mit dem Gedanken spiele, diese einmal auszuprobieren.

Zwei, drei Minuten lang sind die Videos, in denen Menschen zum Hashtag «WelcomeChallenge», im Stil der «Ice-Bucket-Challenge» auf Facebook erklären, mit welchen Aktionen sie Flüchtlingen geholfen haben und wen ihrer Freunde sie nominieren, es ihnen gleichzutun. Aufgerufen hat dazu der Regisseur Michael Simon de Normier, der in einem Video vor einer Erstaufnahmestelle in Berlin erklärt, wie wichtig es sei, eine Willkommenskultur der Hilfsbereitschaft aufzubauen.

Hilfsbereitschaft soll auch mit der Homepage flüchtlinge-will kommen.de gefördert werden. Die Vernetzungsplattform hat sich der Frage angenommen, warum geflüchtete Menschen nicht einfach in WGs wohnen, statt in Massenunterkünften. Auf der Homepage können Bürger freie Zimmer melden, für die ihnen dann Flüchtlinge als Bewohner vermittelt werden.

Eine ähnliche Absicht hat auch das Schweizer Projekt «wegeleben». «Indem ein geflüchteter Mensch in einer WG mit <Einheimischen> wohnt, kommt er auf verschiedenen Ebenen endlich richtig in der Schweiz an», erklären die Initianten auf www.wegeleben.ch. Basel-Land hat derweil als erster Kanton ein Pilotprojekt initiiert, bei dem Freiwillige sich Flüchtlingen als «Götti» zur Verfügung stellen können. Sie sollen den Flüchtlingen helfen, sich im Alltag im neuen Land zurechtzufinden.

Menschen statt Flüchtlinge

Öffentlichkeitswirksam hat sich auch die Boulevardzeitung «Blick» in die Flüchtlingshilfe eingeschaltet. Auf einer ganzen Titelseite zur Schlagzeile «Wir sehen nicht weg» bildete die Zeitung letzten Dienstag Schweizer Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur mit Wortmeldungen und Fotos ab, welche sich für die Flüchtlingsaktion der Glückskette «Im Namen der Menschlichkeit» engagieren.

Auch der «Blick» selbst zählt nun mit einem Beitrag von 20 000 Franken zu den Spendern. Aufgrund der Aufmachung der Titelseite könnte der Eindruck entstehen, dass der «Blick» selbst die Spendenaktion ins Leben gerufen hat. Dies ist für den «Blick» sicherlich kein unangenehmer Nebeneffekt.

Auch im YouTube-Kanal Hiphop.de nehmen sich die Moderatoren des Themas Flüchtlinge an. Ihr Interviewpartner ist dabei der kleine Niklas. Sie fragen ihn, ob es bei ihm im Kindergarten auch Ausländer gebe. Niklas antwortet: «Nein, nur Kinder.» Vielleicht hat Niklas damit den Kern des Problems benannt. Denn würde man die Flüchtlinge nur Menschen nennen, fiele es anderen vielleicht auch einfacher, zu verstehen, welche Hilfe sie wirklich brauchen.