Früher wurden Totgeburten nicht begraben

Bis in die 1980er-Jahre gab es kaum Möglichkeiten, von verstorbenen Babies würdevoll Abschied zu nehmen. Sie wurden nicht begraben und oft schlicht entsorgt. Ohne die Möglichkeit, sie nochmals zu sehen oder in den Arm zu nehmen. Man meinte damals, den Eltern damit zu helfen.

Martin Preisser
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Brigitte Unholz Spitalseelsorgerin am Ostschweizer Kinderspital (Bild: pd)

Brigitte Unholz Spitalseelsorgerin am Ostschweizer Kinderspital (Bild: pd)

Bis in die 1980er-Jahre gab es kaum Möglichkeiten, von verstorbenen Babies würdevoll Abschied zu nehmen. Sie wurden nicht begraben und oft schlicht entsorgt. Ohne die Möglichkeit, sie nochmals zu sehen oder in den Arm zu nehmen. Man meinte damals, den Eltern damit zu helfen. Erst in den letzten 25 Jahren hat sich eine Trauerkultur und eine Sterbebegleitung entwickelt. Alle Kinder, die nach der 22. Schwangerschaftswoche sterben, haben heute Anrecht auf ein Grab. Einfach loslassen, das weiss man heute, ist viel weniger hilfreich als die Möglichkeit, die Beziehung zum verstorbenen Kind zu leben und zu gestalten. Die Berner Fachstelle Fehlgeburt und perinataler Kindstod (www.fpk.ch) ist eine der wichtigsten Anlaufstellen für Betroffene. Zeit und Raum zum Abschiednehmen zu geben, das ist auch am Ostschweizer Kinderspital gelebte Realität. Rund 15 Kinder sterben dort pro Jahr vor, während oder manche kurz nach der Geburt.

Abschied in Gemeinschaft

«Dabeisein ist besser als davonlaufen», sagt Brigitte Unholz. Sie ist evangelisch-reformierte Spitalseelsorgerin am Ostschweizer Kinderspital und begleitet Eltern und Angehörige von früh verstorbenen Kindern. Wichtig sei es, nicht allein, sondern in Gemeinschaft Abschied nehmen zu können. «Die geteilte Erfahrung der Trauer ist hilfreich», sagt die Theologin. So unterstützt sie Betroffene dabei, im schön gestalteten Aufbahrungsraum des Spitals Rituale zu begehen. Das tote Kind nochmals auf den Arm zu nehmen oder ihm einen Tropfen Öl auf die Stirne zu geben, sei berührend. Brigitte Unholz weiss um die schwere Erfahrung eines solchen Schicksalsschlages. Oft ist das Kinderzimmer schon eingerichtet. Die Eltern sind nicht vorbereitet auf den Verlust ihres Kindes. Manchmal komme das Gefühl der Scham und Unzulänglichkeit hinzu, berichtet die Theologin aus ihrer seelsorgerischen Praxis. Der Körper der schwangeren Frau sei auf zwei Lebewesen eingestellt. Wenn ein Baby sterbe, sei das wie eine Amputation.

Eine Knospe, die nicht aufging

Wichtig beim Abschiednehmen ist es, dem Kind einen Namen zu geben. Heute wird das Baby, das gestorben ist, meist fotografiert. Ein Bild ist später oft die einzige Erinnerung an das junge Menschenleben. Ein Bild wie von einer schönen Knospe, die nicht aufgegangen ist. In der Schweiz engagiert sich die Organisation «Herzenskinder» für professionell und würdevoll gemachte Fotografien, falls Eltern oder Angehörige es nicht selber machen wollen. Gerne nimmt man heute auch einen Hand- und Fussabdruck des Kindes. Nicht allein gelassen zu sein und den Abschied aktiv mitgestalten, das sind die wichtigsten Stützen beim Trauern über den frühen Tod eines Kindes. Dass es schwierig sei, einen Sinn hinter solch einem Schicksal zu sehen, weiss Brigitte Unholz. Wenn der Glaube an Gott wichtig sei, dürfe man in dieser Situation auch mit Gott hadern, sagt die Spitalseelsorgerin, denn Glaube habe auch mit Ehrlichkeit zu tun.