Friedhof der Töne

Drei junge Amerikaner erwecken totgeglaubte Töne wieder zum Leben. In ihrem Online-Museum bringen sie alte Telefone zum Klingeln und gedenken dem Rattern der Schreibmaschine.

Stefan Späti
Merken
Drucken
Teilen
3d Typewriter with blank paper Top View (Bild: (41988627))

3d Typewriter with blank paper Top View (Bild: (41988627))

Töne verabschieden sich lautlos. Egal, wie lange ein Gerät uns im Alltag begleitet hat: Ist die Technologie einmal überholt und erneuert, verändern sich oft auch die Töne, die sie produziert. Das ehemalige Erkennungs-Signal ist plötzlich weg. So verbindet sich der Computer mit dem Internet heute absolut geräuschlos, das Hämmern der Schreibmaschine gehört – wie sie selbst – der Vergangenheit an, und wer schon einmal ein Hybrid-Auto gefahren ist, kennt die irritierende Stille des Motors, die einen zweifeln lässt, ob er überhaupt angesprungen ist. Der Friedhof der ausgedienten Klänge wächst stetig, ohne dass diese jemand vermissen würde. Zumindest bis jetzt.

Ein Museum für Töne

Das «Museum of Endangered Sounds», also ein Museum für vom Aussterben bedrohte Töne, lässt nun die Geräusche auf dem Abstellgleis wieder aufleben. Die Anfang 2012 aufgebaute Website lädt dazu ein, per Klick auf das entsprechende Foto ein antikes Telefon mit Wahlscheibe zum Klingeln zu bringen, das Klicken des Auslösers eines Fotoapparates aus dem Vor-Digital-Zeitalter zu erinnern und nicht zuletzt den typischen Nokia-Klingelton zum Leben zu erwecken. Offenbar befindet sich nämlich auch der schon auf dem Schrottplatz.

Bald alles still?

Hinter dem Online-Museum stecken drei amerikanische Mittzwanziger, die soeben ihr Studium in Marketing abgeschlossen haben. Die Idee kam Marybeth Ledesma, Phil Hadad und Greg Elwood, als sie zusammen mit zwei anderen Freunden im Auto sassen. Während der Wartezeit an einer Ampel schrieb einer der Mitfahrenden ein SMS auf dem iPhone, ein anderer eines auf dem Blackberry. Die Tatsache, dass lediglich das Klicken der Blackberry-Tastatur zu hören war, veranlasste die Studenten zu der Vermutung, dass neue Technologien vermehrt leiser oder gar lautlos werden. Sie beschlossen, den alten Klängen eine Nostalgie-Plattform zu bieten, damit sie nicht ganz aus der Welt verschwänden.

Nerd mit irrem Blick

Es sind aber nicht die drei Gründer, auf die man beim Durchforschen der Website stösst, sondern auf einen jungen Mann namens Brendan Chilcutt. Dieser ist ein Nerd mit grosser Hornbrille und leicht irrem Blick. Chilcutt gibt es nicht wirklich, er ist eine von den echten Gründern geschaffene Kunstfigur. Laut Marybeth Ledesma fühlte es sich einfach richtig an, eine Person als Kurator des Online-Museums zu schaffen, der die leise Ironie, die dem Nostalgie-Trip mitschwingt, unterstreicht. Ursprünglich als Scherz gedacht, ist die Website mittlerweile in zahlreichen Technik-Blogs erwähnt worden. Retro scheint auch in akustischer Form im Trend zu sein.

savethesounds.info