Fremde Spermien

Schweine 80 Prozent der Schweine in der Schweiz werden künstlich besamt. Durch deutsches Sperma wurde eine Schweineseuche eingeführt. Bruno Knellwolf

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Schweinisches Mutterglück basiert in der Regel auf künstlicher Besamung. (Bild: Urs Bucher)

Schweinisches Mutterglück basiert in der Regel auf künstlicher Besamung. (Bild: Urs Bucher)

Sie sind selten ein Produkt wahrer Liebe, die kleinen Ferkel an Mutters Sauenbrust. Künstlich ist der Akt der Vermehrung in der Regel, nicht nur bei Schweinen, sondern auch bei Rindern, Schafen, Ziegen und eventuell sogar bei den Bienen. Den Natursprung des Ebers bei den Schweinen gibt es aber noch, doch in 80 Prozent der Fälle wird künstlich besamt, wie die Tierärztin Julia Batz von der Suisag erklärt, welche die Schweinespermien in der Schweiz produziert, analysiert, kontrolliert und verkauft.

Die Sau im Rausche

Auch bei der künstlichen Besamung muss erst die Lust der Sau geweckt werden. Diese hat einen normalen Zyklus von 21 Tagen. Wenn die Sau fruchtbar wird, verändert sich ihr Verhalten. Man spricht dann von Rausche, und in der zeigt die Sau einiges Interesse am Eber. Die Sau wird unruhig und spitzt die Ohren, was das Schwein doch recht menschlich macht.

Jetzt ist der Bauer gefragt, denn die Sau reagiert im Rausche auf bestimmte Reize. Deshalb macht dieser den Reiztest: Er sitzt auf die Sau drauf und simuliert so den Aufsprung des Ebers. Bleibt die Sau stehen, zeigt sie ihre Paarungsbereitschaft an, wie die Tierärztin erklärt. «Das ist das Zeichen für den Bauern, dass er die Sau künstlich besamen kann. Das macht er dann 12 bis 16 Stunden später», sagt Julia Batz.

Maximal stimuliert

Dafür bekommt der Bauer von der Zuchtstation der Suisag sogenannte Blister. Das sind Verpackungen, in denen das verdünnte Sperma aufbewahrt wird. Die Sau wird neben den Eber gestellt, damit sie maximal stimuliert wird, dann wird die Scham von aussen vorsichtig gereinigt und aufgespreizt. Darauf wird der Katheter mit dem Samen bis in den Gebärmutterhals eingeführt. Halt so, wie der Penis des Ebers das auch machen würde, liesse man ihn. Das geht, weil die Sau im Zyklus ist und der Gebärmutterhals deshalb offen ist. Nachdem der Katheter eingeführt worden ist, setzt man daran den Blister auf, und das Sperma wird in den Uterus des Schweins gesaugt.

114 Tage trächtig

Die ganze Prozedur wird 12 bis 16 Stunden später nochmals wiederholt, damit der Eisprung sicher nicht verpasst wird. Danach geht die Sau befruchtet in den Auslauf zurück und ist in der Regel trächtig. Das ist sie 114 Tage lang, und nach der Geburt lässt sie die Ferkel vier Wochen lang an ihren Zitzen saugen. Nach dem Absetzen der Kleinen bildet die Sau wieder Eizellen, und schon fünf bis sechs Tage später wird sie wieder besamt. Vier Monate später quieken bereits die nächsten Ferkel.

Bei diesem Zeugungstempo kann man sich leicht vorstellen, dass mit natürlicher Paarung kaum die verlangte Anzahl von Schweinen gezeugt würde. Die Eber wären da bei aller Manneskraft schon rein physiologisch überfordert, erklärt die Tierärztin. Die künstliche Besamung hat aber nach Julia Batz vor allem auch hygienische Vorteile. Bei der natürlichen Paarung können über den Penis des Ebers viele Sauen mit Viren und Bakterien infiziert werden. Bei der künstlichen Besamung geschieht das in der Regel nicht, weil die Spermien in den Zuchtstationen der Suisag laufend kontrolliert werden.

Nun ist es aber doch geschehen, allerdings nicht mit Samen aus der Schweiz, sondern aus einer Besamungsstation in Deutschland. Die Station hat gemäss dem St. Galler Kantonstierarzt Albert Fritsche eigentlich auch ein gutes Gesundheitsüberwachungssystem, liegt jedoch in einem Gebiet, das nicht frei von PRRS ist. Warum sie jetzt verseucht wurde, ist zurzeit noch unklar. Von dort ist über eine Importfirma das PRRS-Virus in einzelne Zuchtbetriebe in den Kantonen Appenzell Inner- und Ausserrhoden eingeschleppt worden. Diese Virusinfektion führt zu Fruchtbarkeitsstörungen, Aborten und Geburten lebensschwacher Ferkel. In einem verseuchten Betrieb mussten deshalb 1200 gesunde Schweine vorsorglich notgeschlachtet werden.

In der Schweiz ausgerottet

Bisher hat man in der Schweiz die Viruskrankheit PRRS nie nachgewiesen, erklärt der Kantonstierarzt. Dementsprechend gross war der Schock, als vor zwei Wochen gemeldet wurde, dass möglicherweise infiziertes Spermium in die Schweiz gelangt ist. Denn die Ansteckung geht schnell. Die Viren im Sperma verteilen sich übers Blut im ganzen Körper und können dann über Ausscheidungen auf andere Schweine übertragen werden.

Durch die Spermien aus Deutschland wurde also eine eigentlich ausgerottete Krankheit wieder in die Schweiz eingeschleppt. Deshalb sieht der Kantonstierarzt den zunehmenden Einsatz ausländischer Eberspermien mit Sorge und die PRRS-freie Schweiz in Gefahr. «Der Import ist allerdings legal. Die ausländischen Eberstationen müssen jedoch PRRS-frei sein und ein gutes Überwachungssystem haben. Letzteres war der Fall», sagt Albert Fritsche. Das PRRS im Appenzellerland wurde denn auch schnell gemeldet, die verseuchten Sauen wurden rasch entdeckt und geschlachtet. Auch die Tierärztin hält die Importe für ein Risiko. Die Suisag verkauft nur Samen von Schweizer Ebern. «Jedes Ejakulat wird geprüft, und Stichproben werden an die Universität Zürich geschickt», sagt Julia Batz.

Tiefgefrieren geht nicht

Im Unterschied zu Rindersperma kann Schweinesperma nicht tiefgefroren werden, weil beim Einfrieren die Membran zerstört wird. Deswegen wird in der Schweinezucht mit Frischsperma gearbeitet, das bei optimaler Lagertemperatur von 17 Grad Celsius höchstens sechs Tage gehalten werden kann. In der Regel wird das Sperma innerhalb von zwei Tagen eingesetzt.

Das geht also schnell, natürlich auch bei Import-Sperma aus Deutschland. «Wegen des Abbaus der Grenzbestimmungen zwischen der EU und der Schweiz im Rahmen der bilateralen Abkommen gibt es beim Import keine speziellen Gesundheitsgarantien mehr», erklärt der Kantonstierarzt. Die verseuchten deutschen Eberspermien wurden in 26 Betrieben zwischen Schaffhausen und Liechtenstein eingesetzt. Diese sind nun mindestens bis Mitte Januar seuchenpolizeilich gesperrt und werden untersucht. In der Schweiz habe man viel investiert, um Seuchen bei Rindern und Schweinen auszurotten und die Tiergesundheit zu verbessern. Nun werde dieses «geschlossene System» durch Importe von Tieren und eben auch von Sperma gefährdet. «Die Schweinebranche wird sicher für die Zukunft sichernde Massnahmen für den Import fordern», sagt Fritsche. Er sieht die Sache mit der Schweineseuche allerdings auf gutem Wege und rechnet nach den neusten Untersuchungen mit baldiger Entwarnung.

Bedenkenlos essen

Das Fleisch der geschlachteten Schweine kann übrigens bedenkenlos gegessen werden, sagt Fritsche: «PRRS ist eine reine Tierkrankheit und für den Menschen absolut ungefährlich.» Da gebe es viele andere Möglichkeiten von Ansteckungen, vor allem direkt vom Tier zum Menschen. Beispielsweise, wenn der Hund seinem Besitzer das Gesicht leckt und so Infektionserreger wie Würmer übertrage. Auch Fondue chinoise mit Geflügelfleisch hält der Kantonstierarzt wegen möglicher Campylobacter-Bakterien nicht für empfehlenswert – ausser man beachte, dass das Fleisch gut durchgekocht werde und kein roher Fleischsaft in die Saucen gelange. Im allgemeinen sei die Übertragung von Tier zu Tier gefährlicher als über Spermien.

Frischsperma für die Besamung. (Bild: suisag)

Frischsperma für die Besamung. (Bild: suisag)

Verpacktes Sperma und Katheter für die künstliche Besamung. (Bild: Suisag)

Verpacktes Sperma und Katheter für die künstliche Besamung. (Bild: Suisag)

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