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FREMDBETREUUNG: «Krippe stresst Kinder»

Nicht unter zwei Jahren und wenn, nur wenige Stunden: Zu viel Krippe schadet Kleinkindern, sagt ein Zürcher Psychologe und facht die Diskussion neu an. Was Entwicklungspädiater Oskar Jenni davon hält.
Diana Hagmann-Bula
Viele berufstätige Eltern haben keine Alternative: Sie bringen ihr Kind in die Kita. Doch wie viel Fremdbetreuung ist noch gut für die Kleinen? (Bild: Glow Images/Getty)

Viele berufstätige Eltern haben keine Alternative: Sie bringen ihr Kind in die Kita. Doch wie viel Fremdbetreuung ist noch gut für die Kleinen? (Bild: Glow Images/Getty)

Diana Hagmann-Bula

Oskar Jenni, ein Krippenbesuch sei erst ab zwei oder drei Jahren ideal, betonte der Zürcher Psychologe Guy Bodenmann gegenüber dem «Tages-Anzeiger». Sehen Sie das gleich?

Ja, Guy Bodenmann hat im Prinzip recht. Mit zwei bis drei Jahren haben die meisten Kinder eine sichere Bindung zu ihren Bezugspersonen aufgebaut. Aus der sogenannten Nicht-Studie aus den USA weiss man, dass bei unter 15 Monate alten Kindern, die über zehn Stunden pro Woche in der Kita verbringen, die dort häufige Wechsel erleben oder in altersdurchmischten Gruppen untergebracht sind, diese Bindungssicherheit gefährdet ist.

Eine unsichere Bindung: Wie wirkt sie sich später aus?

Darüber wird seit den 1950er-Jahren viel geforscht. Es können sich vor allem psychische Störungen entwickeln, Partnerschaftsprobleme und vieles mehr.

Tausende von Eltern, die ihre Kinder vor 15 Monaten in die Kita gegeben haben, werden sich nun Vorwürfe machen.

Die Betreuung eines Säuglings ausserhalb der Familie ist für die Eltern generell ein sehr emotionales Thema. Wenn dann von Fachpersonen noch Bedenken geäussert werden, verunsichert das zusätzlich. Für viele Eltern gibt es aber oft keine Alternative. Da sind wir als Gesellschaft gefordert, für ein hohes Niveau in den Kitas zu sorgen und die Eltern zu unterstützen in ihrem Bemühen, eine qualitativ gute Kita zu finden.

Was macht eine gute Kita aus?

Wenn die Erzieherinnen feinfühlig sind und die Signale des Kindes lesen können, wenn sie verfügbar und verlässlich sind, dann fühlen sich die Kinder auch wohl. Damit dies gewährleistet ist, sollte eine Betreuerin nicht für mehr als drei Kinder unter 2 Jahren verantwortlich sein. Bei älteren Kinder sollte der Betreuungsschlüssel das Verhältnis 1:4 nicht übersteigen. Die Eltern müssen sich also folgende Fragen stellen: Geht das Personal feinfühlig mit meinem Kind um? Ist dem Kind eine Bezugsperson zugeteilt? Lässt die Kita genug Zeit für die Eingewöhnung?

Kinder unter 15 Monaten sollten nicht mehr als 10 Stunden pro Woche in der Kita sein, empfehlen Fachleute. Das ermöglicht Müttern nicht einmal, zwei Tage an ihren Arbeitsplatz zurückzukehren. Und legt nahe, dass sie besser gleich ganz daheim bleiben.

Nicht zwingend. Eine Kombination von Betreuung durch Eltern, Grosseltern, eine verlässliche Tagesmutter oder gute Krippe ist am besten.

Ist ein Kind bei der Tagesmutter besser aufgehoben als in der Kita?

Das kann man so nicht sagen. Das hängt von der Tagesmutter und deren Feinfühligkeit ab. Wie gut kann sie den Säugling lesen und auf ihn eingehen? Kleinkindererzieherinnen haben eine ausserordentlich wichtige Aufgabe in unserer Gesellschaft. Die Ausbildung, Wertschätzung und Entlöhnung sollten darum jener von Lehrpersonen gleichgestellt sein. In Wirklichkeit aber werden sowohl Ausbildung als auch Image eines Berufs schlechter, je jünger das zu betreuende Kind ist. Schulkinder sind in unserer Gesellschaft wichtiger als Säuglinge. Das ist falsch.

Welchen Einfluss hat das kindliche Temperament?

Im klinischen Alltag erleben wir oft Babys, die Mühe haben, ihren Schlaf und ihre Aufmerksamkeit zu regulieren. Sie schreien häufig, sind unruhig, schlafen unregelmässig. Diese Kinder brauchen viel Unterstützung von ihren Bezugspersonen. Wenn dies nicht gelingt, kann das ebenfalls ein Risikofaktor für eine unsichere Bindung sein.

Gibt es noch andere Risikofaktoren für den Bindungsaufbau, die Ihnen Sorgen machen? Eine Mutter, die etwa ständig auf dem Handy herumtippt, ist wohl auch nicht das Beste für das Kind.

Das macht mir tatsächlich grosse Sorgen. Wir Erwachsenen sind heute sehr auf unser Smartphone fixiert, wir checken Mails, lesen Zeitung, beantworten Whatsapp-Nachrichten. Das Kind will aber mit den Bezugspersonen kommunizieren. Noch gibt es kaum wissenschaftliche Daten, wie sich das auf das Bindungsverhalten der Kleinen auswirkt. Es braucht dazu mehr Forschung.

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Das erste Jahr im Leben eines Kindes ist so wichtig, dass die Politik mindestens eine Elternzeit von sechs Monaten, wenn nicht sogar zwölf Monaten ermöglichen sollte. Dass es noch immer nicht so weit ist, zeigt, wie gross das Spannungsfeld zwischen gesellschaftlicher, sozialpolitischer und wirtschaftlicher Diskussion und den Grundbedürfnissen des Kindes ist.

Studien widersprechen sich oft. Eine besagt, dass Kita-Kinder gestresst sind. Eine andere kommt zum Schluss, dass Kita-Kinder in der Sozialkompetenz, kognitiv und sprachlich besser entwickelt sind als Gleichaltrige, die daheim bleiben. Was nun?

Mit solchen Widersprüchen muss man leben. Wissenschaftlich erhärtet ist, dass Kita-Kinder höhere Stresshormonwerte haben als Kinder, die daheim betreut werden. Das heisst aber nicht, dass Kitas per se schlecht für die Kinder sind. Denn sprachlich und kognitiv werden Kinder durch die Aktivitäten in der Kita besser gefördert und sie lernen von den älteren Kindern, sich sozial angemessen zu verhalten.

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