FREIE BAHN FÜR FISCHE: Vom Meer bis ins Tessin

An Italiens Fluss Po wird eine riesige Fischtreppe bei einem Wasserkraftwerk in Betrieb genommen. Damit können Fische vom Mittelmeer bis in die Schweiz schwimmen.

Gerhard Lob
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Ein Stör im Fluss Ticino in der Lombardei auf dem Weg in die Schweiz. (Bild: Claudio Gazzaroli/Getty)

Ein Stör im Fluss Ticino in der Lombardei auf dem Weg in die Schweiz. (Bild: Claudio Gazzaroli/Getty)

Gerhard Lob

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@tagblatt.ch

Es ist das letzte Puzzle eines wichtigen ökologischen Projekts. Am Freitag wird beim Wasserkraftwerk Isola Serafini des italienischen Energiegiganten Enel am Fluss Po nach jahrelangen Arbeiten eine gigantische Fischtreppe in Betrieb genommen. Bis anhin stellt diese Staustufe mit Kraftwerk bei Cremona – rund 300 Kilometer vom Delta des Flusses Po entfernt – ein unüberwindbares Hindernis in der Fischwanderung dar. Dank der neuen Installation wird die durchgehende Fischwanderung vom Delta des Po über den Fluss Tessin bis zum Lago Maggiore und sogar zum Luganer See möglich. Denn bei Luino wurde eine entsprechende Fischtreppe bereits gebaut, welche eine Verbindung vom Langensee über das Flüsschen Tresa zum Ceresio ermöglicht. Diese Wasserstrasse ist dann fast 600 Kilometer lang.

Es handelt sich um eine kleine ökologische Revolution, nachdem diese durchgehende Verbindung vor 60 Jahren im Rahmen der Industrialisierung der Poebene, verbunden mit dem Bau von Staubecken und Wasserkraftwerken, unterbrochen wurde. Nun sollte es möglich werden, dass der Aal, der auf Grund dieser Barrieren verschwunden ist, wieder bis in Schweizer Gewässer vordringt. Auch Finten und Grosskopfmeeräschen könnten dank der barrierefreien Verbindung wieder auftauchen.

Die grösste Fischtreppe Italiens

Die Fischtreppe von Isola Serafini in Form eines umgestülpten Y wird die grösste ihrer Art in Italien sein. Es handelt sich um eine Art Labyrinth mit fünf Meter breiten Becken und sogar einem Tunnel, den die Fische als Bypass benutzen, um die Staustufe zu überwinden. Eingebaut in die Anlage wurde ein Observationsfenster, um die Migrationsbewegungen zu beobachten. Von der neuen Bewegungsfreiheit sollte auch der Stör profitieren. Dieser Tage wurden an verschiedenen Stellen des Po rund 3000 Exemplare ausgesetzt, die aus einer Zucht im Parco del Ticino stammen. Sie tragen einen Mikrochip auf sich, manche auch einen Radiosender, welche Signale aussenden, um die Wanderungsbewegungen aufzuzeichnen.

Die Wassertreppe von Isola Serafini ist Teil des Projekts Life Conflupo. Mit Unterstützung der EU werden rund sieben Millionen Euro investiert, um die Migration diverser Fischarten zu ermöglichen. Die Region Lombardei, aber auch der Kanton Tessin sind beteiligt. Der Bund ist finanziell nicht direkt involviert, wie Diego Dagani vom Bundesamt für Umwelt erklärt: «Doch wir begrüssen diese Initiative natürlich ausserordentlich.»

Auch in der Schweiz sind die Fischwanderhindernisse von Wasserkraftanlagen ein grosses Thema. Im Jahr 2015 beschlossen der Bund und die Kantone einen Plan zur Sanierung dieser Hindernisse.