Fragwürdige Medikamente

Nicht nur die Grippe gefährdet über 65-Jährige, sondern noch stärker potenziell gefährliche Medikamente. Über 30 Prozent aller Medikamente für diese Altersgruppe werden unzweckmässig abgegeben.

Urs P. Gasche
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Der tägliche Pillencocktail hat nicht nur positive Wirkungen. (Bild: fotolia)

Der tägliche Pillencocktail hat nicht nur positive Wirkungen. (Bild: fotolia)

Bei fast jedem dritten Arzt- oder Apothekenbesuch erhalten über 65-Jährige ein Medikament, das auf Listen in Deutschland und den USA als potenziell ungeeignet aufgeführt ist. Das zeigt eine Schweizer Studie, die kürzlich in der «Dove Medical Press» erschien. Die meisten unerwünschten Nebenwirkungen der unzweckmässigen Medikation seien «leicht bis moderat», doch komme es auch zu «schwereren Zwischenfällen, die zur Einweisung in ein Spital oder im schlimmsten Fall zum Tod führen können».

Die schwarze Liste

Aus einer Hochrechnung der Statistiken der grössten Schweizer Krankenkassen ging bereits früher hervor, dass ausserhalb von Spitälern über 150 000 vorwiegend über 65-Jährige im Laufe eines Jahres mehr als zwanzig verschiedene Wirkstoffe verschrieben erhalten, über 20 000 von ihnen sogar mehr als dreissig. Über vier Prozent aller Spitaleinweisungen erfolgen ausschliesslich wegen unerwünschter Wirkungen von Arzneimitteln. Eine entsprechende Untersuchung veröffentlichte die «Schweizerische medizinische Wochenschrift» im Jahr 1999. Die Hospitalisierten waren durchschnittlich 73 Jahre alt.

Aus der neusten Studie geht hervor, welche potenziell unzweckmässigen Arzneimittel in den Jahren 2012 und 2013 am häufigsten abgegeben wurden. Es waren die Beruhigungs- und Schlafmittel Zolpidem, Seresta, Anxiolit, Lexotanil und Surmontil/Trimipramin; Rheumamittel wie Tilur, Arthrotec/Diclofenac sowie Acroxia; ibuprofenhaltige Schmerzmittel und das narkotische Schmerzmittel Pethidin; Paspertin/Primperan gegen Bauchschmerzen, Herzmedikamente wie Amiodarone; schliesslich auch Hustenpräparate wie Escotussin, Bexin/Calmerphan/Emedrin und verschiedene Antibiotika.

Massnahmen gefordert

Grundlage der Studie waren Abrechnungen von über 50 000 Helsana-Grundversicherten in den Kantonen Aargau und Luzern. Patienten, welche ihre Medikamente mehrheitlich von selbstdispensierenden Ärzten erhielten, bekamen rund 15 Prozent häufiger ein potenziell gefährliches Medikament als Patienten, welche die Medikation mehrheitlich über Apotheken bezogen. Doch über beide Kanäle wurden allen diesen älteren Personen zu viele problematische Medikamente gleichzeitig abgegeben, obwohl deren gefährliche Interaktionen bekannt seien: «Es braucht Massnahmen, um das häufige Verschreiben von potenziell inadäquaten Medikamenten zu reduzieren», fordern die Autoren der Studie.