FILMPORTRÄT: Der Maler Lynch erzählt seine eigene Geschichte

Vor vierzig Jahren wartete ein junger Mann namens David Lynch mit einem verstörenden Kinofilm auf: «Eraserhead». In «David Lynch: The Art Life» stehen nicht seine Filme im Vordergrund, sondern seine künstlerischen Ambitionen.

Rolf Breiner
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Sein Interesse für die Anatomie von Kleintieren und Insekten, für Verfall und Verderben wurden in der Kindheit geweckt. Sein Vater war Agrarwissenschafter, und der junge David Lynch, 1946 in Montana geboren, war von dieser ­organischen Welt fasziniert. Das Dunkle zog ihn an. Sehr früh drückte er sich in Zeichnungen aus. Mit 14 wurde die Malerei seine Obsession. Die Kunstschule in Boston ertrug er nur ein Jahr. Mit seinem Freund Jack Fisk reiste er nach Europa, war Student in Salzburg an der Sommerakademie Oskar Kokoschka, über Paris und Athen ging es zurück in die USA. Er hielt sich zu dieser Zeit mit Nebenjobs über Wasser. Er zeichnete, malte, schuf Skulpturen. Und ihm wurde bewusst, dass ihm die Malerei nicht genügte, ihm fehlten Ton und Bewegung, und er entwickelte eine Art «Moving Painting». 1967/68 startete er erste Filmversuche. Es entstand der Kurzfilm «The Alphabet» (1968), der Lynch das Stipendium-Tor zum American Film Institut (AFI) öffnete. 1970 zog er mit seiner Familie nach Los Angeles, wo er heute noch lebt.

Dieser Lebensabschnitt mitsamt der Arbeit am Kurzfilm «The Grandmother» und der Entwicklung von «Eraserhead» (1972/74) deckt das Lynch-Por­trät von Jon Nguyen, Rick Barnes und Olivia Neergaard-Holm mehr oder weniger ab. Tief tauchen sie in das Werk von Lynch ein, seine Gedankenwelt und ­Erinnerungen. Das brauchte Zeit, wie Jon Nguyen erzählte: «Während der ersten Dreharbeiten führte er nur widerwillig Interviews, dennoch hatte es bereits den Anschein, dass er sich einem Punkt in seinem Leben näherte, an dem er bereitwilliger über seine Vergangenheit erzählen würde. Die Geburt der Tochter Lula 2012 stellte diesen Wendepunkt dar. Im Verlauf der folgenden drei Jahre konnten wir über 20 Gespräche mit Lynch in seinem Haus auf Tonband aufzeichnen.» Der Maler und Multimediakünstler wird zum Erzähler seiner eigenen Geschichte, Ursprünge, Intentionen und Visionen. Paffend wie ein Schlot, abgeklärt wie ein Guru und rätselhaft wie eine Sphinx nimmt er uns mit auf eine Reise zu den Hinter- und Abgründen seiner Bilder, Collagen, Skulpturen. Sie werden zu Boten und Gestalten seiner bewegten Bilder, seiner späteren Filme. Er erklärt nicht, sondern eröffnet Sichtweisen, skizziert Empfindungen. Erheiternd wirken die Intermezzi seiner Tochter Lula, die ihn und sein Atelier in Los Angeles in Beschlag nimmt. Film und Lynch sprechen für sich. Kein Kommentar, keine Vernetzung zu späteren Filmen, sparsame Statements zur eigenen Familie, mehr Aussagen indes zu seinen Eltern und zur prägenden Kindheit – der Dokumentarfilm, bezeichnend als «The Art Life» betitelt, löst das Rätsel und das Mysterium des surrealistischen Kultregisseurs nicht, erhellt es aber punktuell.

Rolf Breiner

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