FILMFESTIVAL: Zornige Männer, starke Frauen

Zur Halbzeit der Berlinale lässt sich noch kein klarer Favorit für den Goldenen Bären ausmachen. Sehenswerte Filme konnte man aber schon mehrere entdecken.

Walter Gasperi
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Packendes Frauenschicksal in Kinshasa: Szene aus dem Spielfilm «Félicité» des Franzosen Alain Gomis. (Bild: Andolfi)

Packendes Frauenschicksal in Kinshasa: Szene aus dem Spielfilm «Félicité» des Franzosen Alain Gomis. (Bild: Andolfi)

Walter Gasperi

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@tagblatt.ch

Beste Unterhaltung bietet Josef Haders mit seinem Regiedébut «Wilde Maus». Das österreichische Multitalent hat sich die Hauptrolle selbstverständlich auf den Leib geschrieben. Hader spielt einen seit über 20 Jahren fest angestellten Wiener Musikkritiker, der aus heiterem Himmel vom deutschen Chefredakteur zwecks Einsparung entlassen wird. Seiner Frau verschweigt er die Demütigung, verbringt die Tage im Prater, wo er mit einem Schulkollegen die Achterbahn «Wilde Maus» pachtet. Nachts lebt er seine Aggressionen gegenüber seinem Ex-Chef in zunehmend drastischeren Vandalenakten aus.

Existenzängste der Mittelschicht

Zügig treibt Josef Hader die atmosphärisch dicht im Wiener Milieu verankerte Handlung voran, überrascht mit stets neuen – teilweise auch überzogenen – Wendungen. Trockene Dialoge sorgen für Witz, doch besticht auch die prägnante Zeichnung der bis in die Nebenrollen hervorragend besetzten Figuren. Über die Unterhaltung hinaus thematisiert die souverän zwischen Komik und Drama pendelnde Tragikomödie auch die Angst der Mittelschicht vor einem sozialen Absturz und deckt Wut und Aggressionen auf, die Demütigungen auslösen können.

Noch zorniger als Haders Protagonist – voller Hass auf die Gesellschaft und sich selbst – ist der frustrierte ehemalige Geschichtslehrer Paul (Steve Coo-gan) in Oren Movermans «The Dinner». Er rechnet er mit den Kriegen der USA ab, muss sich beim Abendessen mit seinem ungeliebten Bruder (Richard Gere) und dessen Frau aber der Tatsache stellen, dass sich sein Sohn einer bestialischen Gewalttat schuldig gemacht hat. Edel speist man zwar im Nobelrestaurant, doch sukzessiveöffnet sich in den Gesprächen und in zahlreichen Rückblenden der Blick in familiäre, aber auch nationale Abgründe. Überkonstruiert und mit der Verknüpfung von privater und staatlicher Gewalt der USA mag «The Dinner» überladen sein. Er hält aber durch den geschickten Aufbau und ein exzellentes Ensemble die Spannung aufrecht.

Zwei Frauen trotzen den Widrigkeiten

Schwere Demütigungen müssen auch die Protagonistinnen in Alain Gomis’ «Félicité» und Sebastián Lelios «Una mujer fantástica» hinnehmen, sie lassen sich aber nicht unterkriegen, sondern gehen entschlossen ihren Weg. Auf Schritt und Tritt folgt die Kamera in Gomis’ in Kinshasa spielendem Sozialdrama der Barsängerin Félicité bei ihren Bemühungen, Geld für die Operation ihres verunfallten Sohnes aufzutreiben. Packend ist die Schilderung des verzweifelten Einzelkampfes auch dank der physisch sehr präsenten Véro Tshanda Beya; doch überflüssige Traumsequenzen und ein wenig überzeugendes Happy End stören den Gesamteindruck.

Auf sich allein gestellt ist in «Una mujer fantástica» auch die Chilenin Marina, nachdem ihr etwa 20 Jahre älterer Geliebter gestorben ist. Nicht nur die Familie des Verstorbenen grenzt die hübsche Transgender-Frau aus und will ihr den Besuch des Begräbnisses verbieten, auch von den Behörden wird sie schikaniert. Ein einprägsames Bild für ihre Entschlossenheit und Stärke findet Lelio, wenn er Marina gegen heftigsten Gegenwind anrennen lässt. Nicht nur eine entschiedene Abrechnung mit der machistischen chilenischen Gesellschaft und ein Plädoyer für Toleranz, sondern ein Mutmacher ist der konzentriert inszenierte und stark gespielte Film.

Ausbruch aus dem Schneckenhaus

Die Stärke dieser Frauen fehlt der Protagonistin von Ildikó Enyedis «On Body and Soul» völlig. Unsichtbar zu machen versucht sich die scheue Qualitätsprüferin eines Schlachthauses förmlich, spielt ein mögliches Gespräch mit dem ebenfalls sehr zurückhaltenden wirtschaftlichen Leiter lieber mit Salz- und Pfefferstreuer zu Hause durch, als es in der Realität zu führen. Näher kommen sich die beiden verlorenen Seelen erst, als eine Psychologin entdeckt, dass sie die gleichen Träume haben. Weit ist aber noch der Weg, bis die engelhafte junge Frau lernt, aus ihrem Schneckenhaus auszubrechen. Langsam und mit grossem Feingefühl entwickelt Enyedi die Handlung, mischt märchenhaft-poetische Momente spielerisch leicht mit realistischen Szenen und beweist ein sicheres Gespür für sanften Humor. Geduld wird dabei freilich vom Zuschauer verlangt, denn die Verschlossenheit der Figuren erschwert den emotionalen Zugang.

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