FILMFESTIVAL: Es ist recht heiter geworden

«The Other Side Of Hope» des Finnen Aki Kaurismäki überstrahlt eine Berlinale, in der zwar Enttäuschungen ausblieben, aber auch echte Höhepunkte rar waren.

Walter Gasperi
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Regisseur Aki Kaurismäki an der Berlinale. (Bild: Guillaume Horcajuelo/EPA (Berlin, 14. Februar 2017))

Regisseur Aki Kaurismäki an der Berlinale. (Bild: Guillaume Horcajuelo/EPA (Berlin, 14. Februar 2017))

Seit 30 Jahren gehört Aki Kaurismäki zu den Grossen des internationalen Autorenfilms, vielfach wurden seine Filme ausgezeichnet, den Hauptpreis eines der drei zentralen europäischen Festivals Cannes, Venedig und Berlin hat er aber noch nie gewonnen. Mit «The Other Side Of Hope» sollte diese Lücke endlich geschlossen werden, doch unberechenbar sind erfahrungsgemäss Juryentscheidungen.

Am Puls der Zeit ist Kaurismäki in dem nach «Le Havre» zweiten Teil einer Hafenstadt-Trilogie ( obwohl er in Berlin wieder erklärte, dies sei sein letzter Film). Der Finne erzählt auf der einen Seite von einem syrischen Flüchtling, der in Helsinki um Asyl ansucht, und parallel dazu von einem Hemdenverkäufer, der nicht nur seine Frau verlässt, sondern seinen Job aufgibt und ein Restaurant übernimmt. Erst nach rund 40 Minuten fügen sich die beiden Erzählstränge zu einem und nach kurzem Konflikt bilden Restaurantbesitzer mit Belegschaft und Flüchtling eine Schicksalsgemeinschaft, die sich gemeinsam gegen Behörden und wirtschaftliche Malaise zu behaupten versucht.

«The Other Side Of Hope» mag nicht Kaurismäkis bester Film sein, er wirkt etwas überladen mit den zwei Geschichten, frönt allzu sehr dem Blues und schwermütigen finnischen Songs. Leicht lassen aber die bestechend lakonische Erzählweise, die hinreissende Figurenzeichnung, eine für Kaurismäki typische Farbdramaturgie sowie der warmherzige, humanistische Grundton über diese kleinen Schwächen hinwegsehen.

Es beginnt düster und wird dann leichter

Vom Kampf der Underdogs gegen das scheinbar übermächtige Böse erzählt auch die Polin Agnieszka Holland in «Potok». Ein Dorn im Auge einer Pensionistin ist hier die aggressive männliche Jagdgesellschaft in den Wäldern an der polnisch-tschechischen Grenze. Weder Polizei noch Kirche nehmen ihre Anzeigen und Beschwerden ernst, doch dann wird ein Jäger tot im Wald aufgefunden. Wenn sich die Handlung vom frostigen Winter in Richtung Sommer entwickelt, schlägt auch der als düsterer Krimi beginnende Film zunehmend leichtere Töne an. Schliesslich wird als Gegenentwurf zur brutalen Männerherrschaft eine lebensfrohe, selbstverständlich vegetarische und weiblich bestimmte Gemeinschaft gefeiert. Auch im neuen Film des Japaners Sabu trifft Gewalt auf Friedfertigkeit. Als harter Gangsterfilm beginnt «Mr. Long», um dann zur sanften menschlichen Komödie zu werden. Zwar erzählt Sabu etwas vorhersehbar, aber wie er zwischen den Tonlagen wechselt und über weite Strecken ohne Dialog auskommt, nimmt doch für diesen gewagten Genremix ein.

Wie schnell eine Gruppe zerbrechen kann, zeigt dagegen Sally Potter in ihrem schwarz-weissen, gerade mal 70 Minuten langen «The Party». In Echtzeit und beschränkt auf ein Haus lässt die Britin bei einer Party durch zwei Enthüllungen des Gastgebers heftige Auseinandersetzungen zwischen den sieben Gästen ausbrechen. Kein grosser Film mag das sein, aber eine vor Dialogwitz sprühende Komödie, die von einem ungemein spielfreudigen, von Kristin Scott Thomas, Patricia Clarkson und Timothy Spall angeführten Ensemble getragen wird, zu dem auch Bruno Ganz gehört.

Joseph Beuys über Beuys

Sichtlich einen bunten Mix sollte der Wettbewerb bieten, dessen Preisträger heute Abend bekannt werden. Geografisch war mit «Félicité» ein afrikanischer Film ebenso vertreten wie mit «Joaquim» ein lateinamerikanisches Historiendrama und neben Spielfilmen konkurrierten auch ein chinesischer Animationsfilm und mit Andres Veiels Künstlerporträt «Beuys» ein Dokumentarfilm um die begehrten Bären. Veiel liefert keine brave Nachzeichnung des Lebens des 1986 verstorbenen Joseph Beuys, sondern versucht vor allem durch Aussagen des Aktionskünstlers selbst ein Bild zu zeichnen. Doch durch die Beschränkung auf die Sicht von Beuys und den Verzicht auf eine präzise Einbettung in den gesellschaftlich-historischen Kontext bleibt dieses puzzleartige Künstlerporträt doch auch etwas diffus und zwangsläufig einseitig.

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