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FILM: Eine marode Sippe als Metapher

In dieser grandiosen Tragikomödie spielt Bruno Ganz einen starrsinnigen DDR-Parteikader, dessen Geburtstag zum Debakel wird. «In Zeiten des abnehmenden Lichts» ist eine kluge Literaturadaption.
André Wesche

In Ostberlin zeichnet sich bereits die Zeitenwende ab, als Wilhelm Powileit (Bruno Ganz) seinen 90. Geburtstag feiert. Er hat sein Leben dem Aufbau des Sozialismus gewidmet und wird heute von verschiedenen Delegationen heimgesucht, die Geschenke überbringen, Reden schwingen oder singen. Die sorgfältig aufbewahrten Huldigungen in der Zeitung werden allerdings jedes Jahr kleiner.

Dass sein Enkel Sascha (Alex­ander Fehling) der Republik soeben den Rücken gekehrt hat, soll der Jubilar heute möglichst nicht erfahren. Wilhelms vom Leben gebeutelter Sohn Kurt (Sylvester Groth) gibt sich alle Mühe, Saschas Ausbleiben zu verharmlosen. Weil es in der Familie Powileit aber ohnehin brodelt, kommt auch diese bittere Wahrheit ans Licht. Selbst sehr viel Wodka und fröhliche russische Volksweisen können nun nicht länger der Schadensbegrenzung dienen.

Tiefer Einblick in den DDR-Alltag

Die Familie ist die Keimzelle eines Staates. Und während draussen die Idee von einer Gesellschaft verdorrt, erleben wir, wie drinnen eine marode Sippe verlernt hat zu kommunizieren. Die mehrfach preisgekrönte, autobiografisch angehauchte Romanvorlage stammt von Eugen Ruge. Für das Kino adaptiert hat sie Wolfgang Kohlhaase («Sommer vorm Balkon»), ein Garant für authentische Figuren, sinnstiftende Dialoge und leisen Humor. Regisseur Matti Geschonneck ist ebenfalls ein intimer Kenner der DDR-Vergangenheit. Das bedeutet aber nicht, dass diese grandiose Tragikomödie nur ehemaligen Ostdeutschen Freude bereiten wird. Im Gegenteil. Selten konnte der Aussenstehende so tiefe und oft amüsante Einblicke in den hier freilich zugespitzten Alltag des Arbeiter- und Bauernstaates erhaschen.

Die exzellente Ausstattung trägt ebenso zur Zeitreise bei wie ein gegen den Strich besetztes Ensemble, allen voran Edelmime Bruno Ganz als alter Parteibonze voll bissiger Kommentare und vielsagender Blicke. Und Sylvester Groth nutzt die seltene Gelegenheit, einen in sich gekehrten, liebesbedürftigen Mann zu porträtieren. Im Verlauf der Geschichte taucht man immer tiefer in die teils brutale Vergangenheit und komplizierte Gegenwart der Charaktere ein, bis man jedes Handeln und jedes Unterlassen nachvollziehen kann. Das ist die hohe Kunst des Erzählens.

André Wesche

Jetzt im Kinok St. Gallen, weitere Kinos in der Region folgen.

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