Fifa versinkt im Chaos

Schweizer und US-Behörden verhören 17 Funktionäre der Fifa. Der aktuelle Kongress rückt in den Hintergrund.

Andy Sager
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«Wir sind vom Zeitpunkt überrascht. Aber wir sind nicht überrascht, dass es passiert ist», sagte Walter de Gregorio, Pressesprecher des Weltfussballverbands Fifa. Wenige Stunden zuvor verhaftete die Kantonspolizei Zürich gestern sieben Fifa-Funktionäre, die anlässlich des heute und morgen stattfindenden Fifa-Kongresses in Zürich weilten. Die Personen stehen im Verdacht, «Bestechungsgelder in Millionenhöhe angenommen zu haben», wie das Bundesamt für Justiz (BJ) mitteilte. Mit den Vizepräsidenten Jeffrey Webb und Eugenio Figueredo sowie Eduardo Li sind auch drei Mitglieder des Exekutivkomitees unter den Verdächtigten. Insgesamt ist von Zahlungen von über 150 Millionen Dollar seit 1991 die Rede. Das BJ handelte auf Ersuchen der US-Behörden. Bereits gestern wurden die Verhafteten befragt. «Man darf von den Verantwortlichen des Weltfussballs Integrität und Ehrlichkeit erwarten, stattdessen korrumpierten sie das ganze System, um sich selbst zu bereichern», so US-Justizministerin Loretta Lynch. Laut ihrem Ministerium stehen zwei weitere Funktionäre unter Verdacht – Nicolas Leoz und Jack Warner. Fifa-Präsident Sepp Blatter und Generalsekretär Jérôme Valcke gehören nicht zu den Verdächtigten der USA.

Warner stand bereits 2011 im Rampenlicht. Der damalige Präsident des nord- und zentralamerikanischen Fussballverbands (Concacaf) und Fifa-Vizepräsident aus Trinidad und Tobago wurde nach einer Anhörung vor der Fifa-Ethikkommission suspendiert. Er und der damalige Präsidentschaftskandidat Mohamed bin Hammam sollen gegen die Fifa-Ethik verstossen haben. Warner und Leoz befinden sich wohl beide nicht in Zürich. Leoz ist 2013 aus dem Exekutivkomitee zurückgetreten, nachdem sich auch gegen ihn Korruptionsvorwürfe erhärteten.

Monatelanger Austausch mit den USA

Gestern wurden nun Webb, Figueredo, Li, José Maria Marin, Julio Rocha, Costas Takkas und Rafael Esquivel gefasst. Die Festnahmen fanden in enger Zusammenarbeit mit den US-Behörden statt. André Marty, Sprecher der Bundesanwaltschaft (BA), bestätigte einen monatelangen Austausch. Die amerikanische Bundeskriminalpolizei FBI initiierte die Ermittlungen wegen unlauterer Zahlungen von Sportmedien und Sportvermarktungsunternehmen, die in den USA vorbereitet und über US-Banken getätigt wurden. Im Zuge dieses Verfahrens wurden gestern auch zahlreiche Schweizer Konten gesperrt sowie der Hauptsitz des Concacaf in Miami durchsucht. Sechs Verhaftete widersetzen sich indes einer Ausschaffung. Die USA muss daher ein entsprechendes Gesuch stellen. «Die Verdächtigten werden einen fairen Prozess erhalten, wenn sie in die USA ausgeschafft werden», verspricht Justizministerin Lynch.

Zeitgleich zum Vorgehen des FBI und des Bundesamts für Justiz war auch die Bundesanwaltschaft aktiv: «Die zehn Personen, welche von der BA befragt werden, sind nicht dieselben», die heute morgen auf Gesuch der USA verhaftet wurden, wie Marty sagte. So wurden gestern insgesamt 17 Personen verhört. Wen die BA befragte, ist nicht bekannt. Sie untersucht in einem eigenen Verfahren «Unregelmässigkeiten bei den Vergaben für die WM 2018 sowie 2022» – nachdem die Fifa eine Anzeige gegen unbekannt eingereicht hat. «Die Fifa kann sich nur bis zu einem gewissen Punkt selber säubern», sagte Pressechef de Gregorio. Diesen Punkt hatte die Fifa im vergangenen November mit dem Abschluss des Berichts des ehemaligen Chefermittlers Michael Garcia erreicht, in dem intern die Vergaben der beiden WM an Russland und Qatar unter die Lupe genommen wurden. Der Bericht liegt seither bei der BA. Gestern morgen hat sich die Behörde bei einer Hausdurchsuchung im Fifa-Hauptsitz weitere Dokumente beschafft.

Fifa stellt Wahlen nicht in Frage

Dass die Ermittlungen nun zu ersten Ergebnissen führten, sei «gut für die Fifa. Nicht für das Image, aber für die Aufklärung», sagte de Gregorio. Dass die Verhaftungen auf die vor Jahren vom FBI initiierten Untersuchungen zurückzuführen sind, bleibt unkommentiert. Angesichts der schweren Vorwürfe stellt sich die Frage nach der Rechtmässigkeit der Wahlen. «Der Kongress wird wie geplant durchgeführt», so de Gregorio. Einzige Konsequenz ist die vorübergehende Suspendierung aller von den USA Verdächtigten. Dass Blatters Gegenkandidat Ali bin Al Hussein aus Jordanien nun bessere Chancen hat, glaubt indes niemand. Die Vorkommnisse werden kurzfristig kaum etwas ändern. Die europäischen Vertreter kündigten an, auf der Kontinentalversammlung über das weitere Vorgehen zu beraten. «Es stellt sich die Frage, ob die Wahl unter diesen Umständen stattfinden soll», sagte Englands Verbandschef Greg Dyke. «Ein Wechsel an der Spitze wäre für eine Veränderung unausweichlich», sagt auch Guido Tognoni, der viele Jahre in hohen Positionen für die Fifa gearbeitet hat. «Der Fisch stinkt vom Kopf her. Wenn jemand null Toleranz propagiert, sollte er sie auch vorleben.» Die Fifa sei «finanziell ein bisschen pervertiert». Der Weltverband lebt in Saus und Braus, Verwaltung und Personal verbrauchen fast 30 Prozent der zwei Milliarden Dollar Jahreseinnahmen. Ansichten zur Korruption, so unterschiedlich wie die 209 Mitgliedsländer, erschweren den Kampf gegen Bestechung.

Das gestrige Beben wird daher nicht das letzte Kapitel im Kampf gegen die Korruption rund um die Fifa sein. Ob der Weltverband tatsächlich daran mitwirkt, ist fraglich. US-Staatsanwalt Kelly Currie stellte aber gestern bereits klar: «Das ist der Beginn, nicht das Ende.»