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Feuerrot und ungekämmt gegen das Bravsein

«Es war einmal ein kleines Mädchen. Es hiess Friederike. Es hatte sonderbare Haare. Ein paar Strähnen waren so rot wie Paradeiser. Die Stirnfransen hatten die Farbe von Karotten. Die meisten Haare aber waren so rot wie dunkelroter Wein.
Bettina Kugler

«Es war einmal ein kleines Mädchen. Es hiess Friederike. Es hatte sonderbare Haare. Ein paar Strähnen waren so rot wie Paradeiser. Die Stirnfransen hatten die Farbe von Karotten. Die meisten Haare aber waren so rot wie dunkelroter Wein.» – Der Feuerroten Friederike aus Christine Nöstlingers erstem Kinderbuch, erschienen 1970, ergeht es wie vielen Mädchen und Buben mit leuchtend roten Haaren: Sie wird von den weniger auffälligen Kindern gehänselt. Dabei hätten diese allen Grund, neidisch zu sein. Es stellt sich nämlich bald heraus, dass Friederikes Haare Zauberkräfte haben; sie kann damit fliegen. Was sie zu einer kleinen Hexe der aufmüpfigen, so gar nicht märchenhaften 68er-Kinderliteratur macht. Rote Haare: im Kinderbuch sind sie ein Dauerbrenner, seit Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf von heute auf morgen in der Villa Kunterbunt einzieht und Schwung ins brav gescheitelte Leben der Nachbarskinder Thomas und Annika bringt. «Ihr Haar hatte dieselbe Farbe wie eine Möhre und war in zwei feste Zöpfe geflochten, die vom Kopf abstanden» – damit ist Pippis Wesen klar umrissen.

Noch immer steht ihr unbekümmertes Äusseres für Autonomie und Freiheit, fröhliche Selbstüberschätzung und Stärke. Ganz anders als die blonden Nesthäkchen, die niedlichen Lillifee-Prinzessinnen, mit denen kräftig Geld verdient wird. Ihr Vorbild dürfte eher im Märchen von Rapunzel liegen, deren lange Zöpfe nicht nur der Zauberin, die sie im Turm gefangen hält, als Strickleiter dienen. Kein Illustrator käme auf die Idee, Rapunzels Haare rot zu malen. Selbst der Teufel hat im Märchen drei goldene, zaubermächtige Haare. Werden struppige Haare von einer Fee gekämmt, wie die des Zwerges Klein Zaches bei E.T.A. Hoffmann, gerät eine ganze Stadt in Verblendung und Verzückung.

Die Bibel erzählt von Simson, der unbesiegbar für die Philister bleibt, so lange er sein Haupthaar ungeschoren lässt. Leider verrät er dieses Geheimnis seiner Frau Dalila; er wird gefangen genommen, geblendet und geschoren, erlangt aber mit der nachwachsenden Haarpracht neue Kraft.

Ungekämmt und ungeschoren steht ein anderer wie eine Ikone des anarchischen Kindes auf dem Sockel: der Struwwelpeter aus dem oft als «schwarze Pädagogik» missverstandenen, lustvoll überzeichnenden Buch des Arztes Heinrich Hoffmann. Wie ein Strahlenkranz stehen die Haare um seinen Kopf, während Pippi immerhin zwei drahtige Zöpfe hinbekommen hat. Ebenso stilbildend für böse Buben sind die Frisuren von Max und Moritz: herrlich, wie Wilhelm Busch sie von Streich zu Streich wild in Aktion zeigt. Während Pumuckl, «der Kobold mit dem roten Haar» aus den lustigen Geschichten von Ellis Kaut eigentlich gar nicht sichtbar sein dürfte. Er ist halt dummerweise in Meister Eders Schreinerwerkstatt am Leim kleben geblieben.

In Frankreich immer noch ein Klassiker ist Jules Renards Rotfuchs («Poil de carotte», 1894), Drama eines seelisch und körperlich misshandelten Buben, der sich mit Grausamkeit und Lügen wehrt, der aber so begabt wie liebesbedürftig ist. Und eine kämpferische Schwester der feuerroten Friederike ist die Rote Zora, Anführerin der Uskoken-Bande aus dem Roman von Kurt Held. Die Haarfarbe wird hier zum Manifest. Zöpfe? Sind etwas für Waisenhauskinder.

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