Europa, vom Rand her gesehen

Am Konstanzer Konzil trafen sich vor 600 Jahren auch die Schriftsteller. Zum Jubiläum trafen sie sich wieder und erzählten, wie es in Dagestan zugeht, wie in Weissrussland und in der Ukraine.

Manuela Ziegler
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Besorgte Fragen: Andrej Kurkow (Bild: ky)

Besorgte Fragen: Andrej Kurkow (Bild: ky)

Ein Mädchen lässt sich überreden, mit einigen jungen Männern einen Tagesausflug zu machen. Dies der Plot eines Kapitels in Alissa Ganijewas Erstling «Die russische Mauer». Was in Mitteleuropa heutzutage kaum der Rede wert scheint, kommt in der Kaukasusrepublik Dagestan einem Skandal gleich. Das Mädchen scheidet als potenzielle Heiratskandidatin im Dorf aus. Die in Moskau geborene und in Dagestan aufgewachsene Autorin erzählt in ihrem Roman von einer zwischen Altertum und Moderne zersplitterten Gesellschaft.

Herrscher und Gelehrte

«Aufs Äusserste, Europa» lautete das Motto der Veranstalter, dem Verband deutscher Schriftsteller Baden-Württembergs und dem Kulturbüro Konstanz. Die Formulierung eröffnet viele Deutungsmöglichkeiten. Deren politische Brisanz angesichts der Ukraine-Krise ahnte bei der Programmplanung vor rund einem Jahr niemand. Bereits 2010 war die Idee zu einem europäischen Literaturfestival im Rahmen der Planung zu 600 Jahren Konzil (1414 bis 1418) zum ersten Mal aufgetaucht. Denn an jenem ersten europäischen Kongress nahmen nicht nur die Herrscher teil, sondern auch Gelehrte der Zeit.

Was Europa stark macht

Ruth Bader von der Konzilstadt Konstanz spannte in ihrer Begrüssungsansprache den Bogen zur literarischen Verständigung im Zuge des Konzils. Also waren Autoren aus dem Herzen Europas wie auch seinen Randlagen, dem postsowjetischen Russland, Armenien, Finnland, der Ukraine und dem ehemaligen Jugoslawien, eingeladen über dieses komplexe Staatengebilde nachzudenken.

Das einander Widersprechende zuzulassen, mache Europa stark und angreifbar zugleich, sagte die künstlerische Leiterin Miriam Reimers. Doch die Verständigung unter fremden Nachbarn zeigte sich an diesem Eröffnungsabend als eine Herausforderung.

Die Tandemlesungen boten die eher seltene Chance, an der Simultanübersetzung teilzuhaben. Leider las Christiane Körner Ganijewas Roman in der Übersetzung. Lediglich auf die Fragen des Moderators Hans Thill antwortete die Autorin auf Russisch. «Ich fühle mich, wie viele meiner Generation, irgendwie entwurzelt.» Die gewaltsame Umsiedlungspolitik des Sowjetregimes im Kaukasus wirke bis heute als Identitätsverlust nach. Die Polyphonie von rund 200 Sprachen allein in Dagestan macht dies nicht leichter. Fundamentalismus wie Kapitalismus böten gefährliche Zuflucht.

Um Gewalt geht es auch im Politthriller «Tage der Nemesis» (2014) des süddeutschen Schriftstellers Martin von Arndt. Die Organisation Nemesis beging im Berlin der zwanziger Jahre Rachemorde an den Verantwortlichen des armenischen Genozids. Diese hatten in Deutschland Zuflucht gefunden, die Frage der Mitschuld stand im Raum.

Literatur leistet Widerstand

Doch so politisch die Thesen beider Autoren, Thill nahm sie nicht auf oder reichte sie ans Publikum weiter. Für einmal fiel die Moderation angesichts Autoren und Festivalthema unangemessen auseinander. Claudia Gabler hingegen, Moderatorin der drei Lyriklesungen am darauffolgenden Abend, fragte die Autoren direkt nach ihrer politischen Motivation.

Der aus der Oberlausitz stammende Tom Schulz berief sich auf die ethische Widerständigkeit der Literatur, die in einer Diktatur eine andere Relevanz habe. So sprach der aus Minsk stammende Andrej Chadanovic von der Gefahr, als Lyriker zum Journalisten zu werden. Er begegnet dem diktatorischen Regime Alexander Lukaschenkos vielmehr mit scharfzüngigem Humor nahe am Rap und Hip-Hop, geschrieben in Weissrussisch, was nicht gut angesehen ist. Auf Deutsch ist in Buchform bisher nichts von ihm erschienen. Einen Ohrenschmaus boten auch die hastig vorgetragenen Wortkaskaden – Alltagswahrnehmungen – des Rumänen Klaus F. Schneiders aus seinem Gedichtband «Umgehung der Anhaltspunkte» (2008).

Zurück in die Vergangenheit

Besorgte Fragen aus dem Publikum musste der ukrainische Autor Andrej Kurkow beantworten. Der russische Präsident Wladimir Putin verliere aussen- wie innenpolitisch an Unterstützung, stellte er fest. Und fragte: «Hält Europa mit seinen Sanktionen durch?» 99 Prozent der Ukrainer seien proeuropäisch, behauptete Kurkow. Deshalb schickt er die Leser in seinem magisch-realistischen Roman «Der Gärtner von Otschakow» (2012) bewusst zurück ins Jahr 1957, in die Zeit der Sowjetherrschaft in der Ukraine.

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