Eulen statt Gift

Bartgeier aus der Schweiz und Schleiereulen als Friedenstauben. Der israelische Ornithologe Yossi Leshem beweist, dass auch im Nahen Osten Menschen über Grenzen hinweg zusammenarbeiten können.

Hans Peter Roth
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Schleiereulen sind effiziente Mäusejäger. Ihr Jagderfolg verhindert eine Mäuseplage ohne den Einsatz umweltgefährdender Gifte. (Bild: PD)

Schleiereulen sind effiziente Mäusejäger. Ihr Jagderfolg verhindert eine Mäuseplage ohne den Einsatz umweltgefährdender Gifte. (Bild: PD)

Gebannt folgen Yossy Leshems Augen Alois und Cierzo, die in den Zentralschweizer Bergen einige Kreise drehen zwischen Wolken, Nebel und Sonnenstrahlen. Alois und Cierzo sind zwei junge Bartgeier aus dem Schweizer Auswilderungsprogramm, und Leshem ist hier, weil die Bartgeier in seinem Heimatland Israel ausgestorben sind. Aus ähnlichen Gründen wie in der Schweiz: durch Aberglaube, Zersiedelung, Umweltgifte, Wilderei. Nun möchte der Ornithologe den majestätischen Aas- und Knochenfresser auch in Israel wieder ansiedeln.

Leshem kommt immer wieder in die Schweiz. Diesen Herbst referierte er an der Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft in Birmensdorf zu den Themen «Vögel kennen keine Grenzen» und «Vögel als Friedensstifter in Konfliktgebieten». Naturschutz im Pulverfass Nahost – «eine gewaltige Herausforderung», bestätigt Israels führender Ornithologie-Professor. «Aber eine äusserst wichtige Aufgabe, bei der es nur Gewinner gibt.»

Wie meint er das? «Der Nahe Osten ist ein veritabler Hotspot der Artenvielfalt», erklärt Leshem. «Die Region östlich des Mittelmeers bildet unter anderem einen wichtigen Flaschenhals für den Vogelzug.» So folgen alljährlich mehrere hundert Millionen Vögel wie auf einer Nord-Süd verlaufenden Luftstrasse dem Jordangraben auf ihren saisonalen Zügen zwischen Europa, Asien und Afrika. Doch die Verwerfung vom Roten Meer bis zum Taurusgebirge ist auch eine der heikelsten Grenzregionen der Erde. Über lange Strecken bildet der Jordangraben die Grenze zwischen Jordanien, Israel und dem Westjordanland.

«Vögel interessieren sich wenig für Grenzen und Politik», sagt der Vogelkundler. «Genau hierin liegt die Problematik wie auch die Chance: Bei Schutzbemühungen müssen wir grenzüberschreitend zusammenarbeiten.» Yossi Leshem liefert den Tatbeweis, dass von einem durchdacht umgesetzten Projekt alle profitieren können: mit seinem «Schleiereulen-Projekt».

Landwirtschaftliche Gifte

Verfolgung wegen Aberglaube, Lebensraumzerstörung und landwirtschaftliche Gifte haben die Bestände der Schleiereule im Nahen Osten massiv dezimiert. Bauern bekämpfen Mäuse mit Pestiziden. Damit schädigen sie aber auch den Boden und setzen den natürlichen Feinden der Mäuse zu, die an vergifteten Beutetieren zugrundegehen können. Der Zoologie-Professor von der Universität Tel Aviv hat dies erkannt und israelische Bauern überzeugt, gegen die Mäuse statt mit Gift mit Schleiereulen vorzugehen. Rund 3000 Munitionskisten der israelischen Armee hat er zu Nistkästen für die nachtaktiven Beutegreifer umfunktioniert.

Mit durchschlagendem Erfolg. Jedes Eulenpaar erbeutet pro Jahr mehrere Tausend Nager, um sich selbst und den Nachwuchs zu versorgen. Resultat: Die Mäuseplage ist eingedämmt, ein seltener Vogel breitet sich wieder aus und die Landwirte setzen viel weniger oder gar kein Gift mehr ein. Mehr noch: An Leshems Projekt beteiligen sich neben Israeli gleichermassen auch Palästinenser und Jordanier.

Was anderswo undenkbar ist, funktioniert beim Schleiereulen-Projekt: Grenzüberschreitend stehen Landwirtschaft, Naturschutz, Politik und Militär hinter dem Projekt. Unterstützung findet der Einsatz des israelischen Ornithologen auch aus der Schweiz, in der Person von Alexandre Roulin. Der Uni-Professor aus Lausanne, ein führender Experte für Schleiereulen, arbeitet eng mit Yossi Leshem zusammen. «Ich kann keinen Frieden zwischen verfeindeten Völkern stiften», sagt der Professor an der Universität von Tel Aviv. «Doch in den letzten Jahren fanden in Jordanien wiederholt Seminare für Dutzende von Lehrern – Palästinenser und Israeli – statt; und wir arbeiten zusammen wie die besten Freunde! Nur die Politik versagt.»