ESSAYS: Dichter rechnet mit Faschisten und Touristen ab

Jochen Kelter blickt harsch und wehmütig auf vier Jahrzehnte zwischen Konstanz und Ermatingen zurück, auf den Wandel von Verkrustung zu Konsumkultur. Eine furiose Abrechnung.

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Jochen Kelter (Bild: PD)

Jochen Kelter (Bild: PD)

Ein feiner Umschlag für ein heftiges Büchlein: Das helle Blau des Rheins zieht aus dem See und verliert sich vage im Norden. Brandrot der Punkt darunter: Konstanz. Auf die Stadt fokussieren sich die meisten der zehn Texte des Ermatinger Lyrikers, Erzählers und Essayisten Jochen Kelter. Mit dem Band «Jetzt mache ich einen Satz» setzt Klaus Isele die neue Folge seiner Kleinen oberrheinischen Bibliothek fort. Nicht alle Essays sind neu.

Nichts ist, wie es war – beidseits der Rheinbrücke. Schonungslos rechnet Kelters spitze Feder mit der Gesellschaft ab, die dem 1946 in Köln Geborenen oberflächlich und aufgeklärt verspiessert vorkommt. In Konstanz, dieser einst so verschlafenen Stadt hinter den sieben Bergen, haben Shoppingtouristen, Konsumgeilheit und Rentnerglück den verdösten, nun herausgeputzten Winkel überfallen und überrannt. Jochen Kelters Resümee: Es ist eine ganze Scheissepoche, die über uns hereingebrochen ist, und keiner scheint es zu bemerken.

Wider die aufgeklärte ­Verspiesserung

Jochen Kelter teilt aus. Nimmt nie ein Blatt vor den Mund. Er hasst im zweiten Essay Schweizer und Deutsche gleichsam. Stets argumentiert er politisch zur neuen Feindgrenze, zur neuen Form der aufgeklärten Verspiesserung: Das soziale Gefälle und die Kaufkraft trennen.

Der Autor mischt Aussensicht mit Rückblenden auf seine Studienzeit in Paris und Konstanz. Konkreter wird er zum Spätsommer 1970, als «die Saat der rechten Hetzer» auch in der Provinz aufging und «wir zum allerersten Mal ein Universitätsinstitut besetzten» – was für Kelter auf ein Beschäftigungsverbot hinauslief. In einem Essay rechnet er erneut mit seinem Romanistikprofessor Hans Robert Jauss und dessen SS-Vergangenheit ab, ohne ihn aber namentlich zu nennen wie vergangenen April in seinem Beitrag im Magazin «seemoz».

Die Essays des Alt-Achtundsechzigers nehmen die Gentrifizierung der Altstadt ebenso aufs Korn wie das Rotlichtmilieu oder die Eventkultur. Bisweilen verstellen aber Details den Blick. Ironie schwingt oft mit und schafft wohltuende Distanz: Die Stadt war unmerklich zu einem Biotop geworden [...] ansatzweise urban. Für das alternative Monatsmagazin «Nebelhorn» schrieb er unter anderem Satiren auf Artikel des «Südkuriers».

Zwei Essays widmet Jochen Kelter seinem Umzug vom «Land der Faschisten und stramm blinden uneinsichtigen Weltverheerer» in «eine der reaktionärsten Demokratien Europas». Im Thurgau und in Zürich durfte er unterrichten – aber er wurde langsam, aber immer stärker eine hybride Person. Nur einmal verlässt ihn der Furor: Kelter erfährt eine «Erschütterung» kurz vor der Übersiedlung nach New York: Ich war auf eine Liebe getroffen und also wohl auch mich selbst.

Dieter Langhart

dieter.langhart@tagblatt.ch

mailto: Jochen Kelter: Jetzt mache ich einen Satz. Kleine oberrheinische Bibliothek, 52 S., Fr. 28.– Nächste Lesungen: • Di, 24.10., 20 Uhr, Theater Konstanz, Spiegelhalle • Do, 26.10., 18 Uhr, Rotes Haus, Meersburg