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«Es wird viel Regen geben»

Beinahe hätten wir den regenreichen Juni und die Überschwemmungen vergessen. Jascha Lehmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung sagt, dass uns Starkniederschläge aufgrund der Erderwärmung häufiger plagen könnten.
Andreas Lorenz-Meyer
Regen ohne Ende im vergangenen Juni – nicht nur in der Ostschweiz. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 23. Juni 2016))

Regen ohne Ende im vergangenen Juni – nicht nur in der Ostschweiz. (Bild: Benjamin Manser (St. Gallen, 23. Juni 2016))

Im Juni ging über weite Teile der Schweiz heftiger Regen nieder. Besonders betroffen waren das Tessin, Nord- und Mittelbünden, das Oberengadin, das Glarnerland und das St. Galler Rheintal. Vom Maggia- und Verzascatal bis zur oberen Leventina registrierte man 130 bis 170 Millimeter, lokal waren es möglicherweise sogar 200 Millimeter. Nordbünden, Urner Oberland, Glarnerland und Rheintal traf es nicht ganz so schlimm. Hier wurden 50 bis 90 Millimeter gemessen. Niederschläge dieser Grössenordnung sind zwar laut Meteo Schweiz nur alle zwei bis acht Jahre zu erwarten. Jedoch könnte es sein, dass so etwas in Zukunft öfter passiert. Denn die Erderwärmung führt allem Anschein nach zu häufigerem Extremniederschlag.

Mehr Wasserdampf in der Atmosphäre

«Wärmere Luft kann mehr Wasserdampf aufnehmen», erklärt Jascha Lehmann vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Wasserdampf ist Wasser in gasförmigem Zustand. Nach der Clausius-Clapeyron-Gleichung nimmt der Wasserdampfgehalt der Atmosphäre mit jedem Grad Celsius um sieben Prozent zu. Durch die Erderwärmung steht der Atmosphäre also mehr Wasserdampf zur Verfügung. Und der kann bei kurzfristigen, heftigen Regenfällen freigesetzt werden. Hinzu kommt ein zweiter Effekt. Der Klimawandel verändert die Luftströme in unserer Atmosphäre. Auch die beeinflussen, wo es wie viel und wie lange regnet. Ein Beispiel: die Flutwellen im Balkan im Jahr 2014. Sie hingen wahrscheinlich mit einer Verlangsamung der Luftströme zusammen, die den Erdball umkreisen. Vor zwei Jahren stockte ihre Vorwärtsbewegung für mehrere Tage. Gleichzeitig setzte sich ein Wettersystem über dem Balkan fest, das unter anderem Bosnien und Kroatien den Rekordregen brachte.

Regen in St. Gallen, Sonne in Gossau

Starkniederschlag kann ein sehr kleinskaliges Ereignis sein. Wenn es in St. Gallen in Strömen giesst, scheint in Gossau möglicherweise die Sonne. Man muss jedoch zwischen verschiedenen Regentypen unterscheiden, sagt Lehmann. Im Winter dauern starke Regenfälle über Tage an, wobei sich die Regenfront über Gebiete so gross wie Deutschland erstreckt. Ein leicht messbares Ereignis. Im Sommer hat man es aber eher mit kurzen, dafür umso heftigeren Gewittern auf kleinerem Raum zu tun. Solche Gewitter können aufgrund ihrer geringen Ausdehnung tatsächlich durch das Raster des Wetterstationsnetzes fallen.

Trotzdem sieht Lehmann in den Daten einen klaren Trend hin zu häufigeren Extremniederschlägen im globalen Mittel. Zudem nimmt die Intensität der Starkregenfälle durch die Erwärmung zu. Danach braucht die Atmosphäre eine gewisse Zeit, um sich wieder mit Wasserdampf zu sättigen. Lehmann: «Es ist daher prinzipiell auch möglich, dass es in manchen Gegenden zu einem vermehrten Auftreten von beiden Extremen kommt: mehr Starkregen, aber auch lang anhaltende Trockenperioden.»

In einer 2015 veröffentlichten Studie, die auf einer statistischen Analyse von Regendaten aus den Jahren 1901 bis 2010 basierte, zeigten Lehmann und Kollegen, dass die Anzahl von Rekord-Regenfällen seit den 1980er-Jahren im globalen Mittel um zwölf Prozent zugenommen hat, verglichen mit einem Szenario ohne Klimawandel. «Im Jahr 2010 war einer von fünf Rekordregen ohne den Klimawandel nicht zu erklären», sagt Lehmann.

Die Veränderungen im Niederschlag können regional jedoch sehr unterschiedlich ausgeprägt sein, denn Regen wird von vielen Faktoren beeinflusst, nicht nur von der Lufttemperatur. Das zeigte sich auch im Ergebnis der Studie. Die Länder Südostasiens verzeichneten eine besonders starke Zunahme von Rekord-Regenfällen: um 56 Prozent. Auch für Europa sind die Werte hoch gewesen: ein Plus von 31 Prozent. In anderen Regionen hingegen nahmen die Rekordregen ab. Im Mittelmeerraum um 27 Prozent, im Westen der USA um 21 Prozent.

Sollten sich Städte so schnell wie möglich auf die Veränderungen vorbereiten? Schliesslich gehen die Schäden durch Hochwasser schnell in die Millionen, gar Milliarden. Lehmann: «Wenn wir so weitermachen wie bisher, dann landen wir bei einer Klimaerwärmung von 4 bis 5 Grad bis zum Ende dieses Jahrhunderts. Eine Anpassung ist dann fast nicht mehr möglich. Das heisst, wir müssen in erster Konsequenz die Klimaerwärmung stoppen, auf möglichst weit unter 2 Grad im Vergleich zum vorindustriellen Niveau. Selbst wenn wir das schaffen, werden wir genug zu tun haben, uns an die Klimafolgen einer 2 Grad wärmeren Welt anzupassen. Insofern ist es wichtig, das erhöhte Risikopotenzial von Extremereignissen wie Starkregen und Überflutungen in der Stadtplanung zu berücksichtigen.»

Rotterdam geht diesen Weg. Die Stadt mit dem grössten Hafen Europas ist direkt vom Meeresspiegelanstieg betroffen. Aber nicht nur das. Auch die Niederschlagsmengen nehmen zu, das weisen die Statistiken für die Niederlande aus. Deswegen plant man, Rotterdam in eine Art Schwamm zu verwandeln, der alles aufnimmt, was von oben herunterkommt. In der Stadtmitte, nah am Hauptbahnhof, liegt der Benthemplein-Platz. Man hat die Fläche zu einem oberirdischen Auffangbecken umfunktioniert. In diesem Fall ein in den Boden gesetztes Basketball- und Fussballfeld mit Tribüne drumherum. Regnet es stark, leiten Rinnsteine das Wasser aus der Umgebung hin zum Bassin. Das läuft nach und nach voll und entlastet so das städtische Pumpensystem. Nach dem grossen Regen sickert das gesammelte Wasser dann langsam ins Grundwasser ab.

Teile von Rotterdam unter dem Meeresspiegel

Rotterdam ist auf solche Flexibilität angewiesen. Viele Bereiche sind versiegelt und liegen zum Teil unterhalb des Meeresspiegels. Häuser, Geschäfte, Autotunnel, Bahnstrecken könnten bei Starkregen geflutet werden. Bis 2025 ist die Stadt climate proof, also klimawandelsicher, so sieht es die Anpassungsstrategie der Stadt vor. Auch begrünte Dächer spielen darin eine Rolle. Rotterdam verfügt insgesamt über 14,5 Quadratkilometer Flachdach – theoretisch sehr viel Platz für Pflanzen, die dabei helfen, den Regen vorübergehend aufzunehmen.

Jascha Lehmann Klimaforscher (Bild: PD)

Jascha Lehmann Klimaforscher (Bild: PD)

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