«Es war phantastisch»

Beatrice Müller hat 16 Jahre lang das Gesicht der Tagesschau mitgeprägt. Heute hat sie den letzten Arbeitstag und geht dann neue berufliche Wege. Zum Abschied hat sie viele positive Reaktionen bekommen: «Manche schrieben mir, dass ich fast ein Familienmitglied geworden sei.» Annette Wirthlin

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Beatrice Müller auf dem Weg in eine andere berufliche Welt. (Bild: Dominik Wunderli)

Beatrice Müller auf dem Weg in eine andere berufliche Welt. (Bild: Dominik Wunderli)

Ihr Lockenkopf hat immer wieder zu Reaktionen geführt. Diese Haare, sagt Béatrice Müller, «sind einfach ein Teil von mir. Ich habe immer dafür gekämpft, authentisch zu bleiben.» Jetzt verlässt sie nach 16 Jahren die «Tagesschau», zieht Bilanz und schaut vorwärts.

Frau Müller, wie reagierten Sie als News-Frau darauf, dass in Griechenland auf einen Schlag das Staatsfernsehen geschlossen wurde?

Béatrice Müller: Ich war völlig verblüfft. Es ist verheerend, wenn eine solche Situation eintritt. Ich bin glühende Verfechterin unserer SRG, und ich kann mir gar nicht vorstellen, wie ein Staat über Nacht der grössten Fernsehstation des Landes den Stecker rauszieht. Das griechische ERT-Fernsehen war doch recht unabhängig, kritisch und wichtig für die Demokratie.

Die SRG schliesst ja zum Glück nicht. Sie verlassen das Fernsehen von sich aus. Sie betonen, dass Ihr Beruf einer der tollsten überhaupt sei. Wieso hören Sie dann auf?

Müller: Journalismus ist tatsächlich nie langweilig. Es war phantastisch, der grössten News-Sendung dieses Landes ein Gesicht geben zu dürfen. Ich hätte das sicher auch noch zehn Jahre weitermachen können. Aber ich bin jetzt an einen Punkt gekommen, wo ich mich frage: Gibt es noch etwas Neues? Mit 52 habe ich noch viel Energie, um meine langjährigen Erfahrungen an andere weiterzugeben. Ich sehe es als Herausforderung und Bereicherung – als ein «nicht Einschlafen».

Sie machen sich im Kommunikationsbereich selbständig. Was wollen Sie Firmenchefs mit auf den Weg geben?

Müller: Eine komplexe Botschaft klarverständlich und in ganz kurzer Zeit rüberzubringen – bei den Medien sind es oftmals nur dreissig Sekunden –, ist eine Kunst. Ich habe erlebt, wie gestandene Leute ins Stottern und Zittern geraten, wenn die Kamera mitläuft. Solche Auftritte müssen geübt werden. Darin möchte ich Einzelpersonen, aber auch Unternehmungen unterstützen. Denn es ist wie beim Autofahren: Hat man es nicht geübt, fährt man in den nächsten Baum.

Den Abschied von der Kamera hatten Sie schon vor einigen Wochen. Sie arbeiten jetzt noch bis heute Freitag beim Fernsehen. Wie sehen diese Tage aus?

Müller: Ich bin ja nicht nur Moderatorin, sondern auch Journalistin, Reporterin, Redaktorin. Diese Aufgaben gehen normal weiter bis zum Ende meines Arbeitsvertrages. Mein Weggang vom Fernsehen wurde offiziell kommuniziert, als ich das letzte Mal vor der Kamera stand. Die Leute meinen immer, ich moderiere nur, dabei war das nur etwa ein Fünftel meiner beruflichen Tätigkeit. Die «Tagesschau» kommt durch ein grosses Team im Hintergrund zustande. Die, die gegen aussen «verkaufen», sind einige wenige.

Wie ist das für Sie jetzt, wenn Sie abends vor dem Fernseher sitzen und die Nachrichten schauen?

Müller: Ich werde sicher zeitlebens verbunden bleiben mit dem Sendegefäss, um zu sehen, was meine «Gspänli» so machen. Und ich werde die News aktiv mitverfolgen, weil sie mich interessieren und weil es für meine neue Tätigkeit wichtig ist, zu sehen, wie die Leute in den Medien auftreten.

Im Fernsehstudio sind Adrenalinschübe Alltag. Können Sie auch damit umgehen, wenn das Leben mal in ganz ruhigen Bahnen verläuft?

Müller: Wenn man diesen Beruf macht, bei dem man tatsächlich einem sehr starken Zeitdruck ausgesetzt ist, muss man psychohygienisch relativ gut unterwegs sein. Man muss die Fähigkeit besitzen, zwischendurch bewusst Distanz zu nehmen und Pausen einzuschalten. Wenn man das nicht kann, ist es eine schlechte Voraussetzung für den Beruf.

Werden Sie sich jetzt für eine Weile in Ihre zweite Heimat Italien absetzen und dort das süsse Nichtstun geniessen?

Müller: Ferien stehen im Moment nicht im Vordergrund, denn jetzt bin ich ja selbständige Unternehmerin und ticke nach dem Markt. Aber ich denke, teilweise wird sich die Arbeit auch von Italien aus machen lassen, nicht zuletzt, weil mein Business auch international ausgerichtet sein wird.

Wie bei vielen Buchautoren steht in Ihrem Lebenslauf: «Lebt in Zürich und in der Toscana». Geht das überhaupt?

Müller: Ich behaupte von mir, relativ flexibel zu sein. Das kann bedeuten, dass ich abends um acht noch in die Toscana fahre und zwei Tage später halt wieder zurück. Das Unterwegssein im Zug, Auto oder Flugzeug ist Teil meines Lebens und Teil meiner Lebendigkeit. Es gefällt mir, sagen zu können, vielleicht bin ich morgen hier oder auch dort oder ganz woanders. Wenn ich in Italien bin, setze ich mich nicht einfach in den Liegestuhl, sondern ich nehme genauso aktiv am Leben teil wie hier.

Sie haben sehr viele Briefe auf Ihren Abschied beim TV bekommen. Was hat Sie daran besonders berührt?

Müller: Dass mir unzählige Leute Danke sagen für meine Arbeit, das hat mich umgehauen. Ich kriegte einen Haufen Geschenke und Briefe von mir unbekannten Leuten. Als «Tagesschau»-Moderatorin führt man ja vor allem eine Funktion aus, man ist eine Figur. Dass diese Figur so wichtig ist für die Leute, realisiere ich erst jetzt. Manche schrieben mir, dass ich fast ein Familienmitglied geworden sei und dass sie mir jeden Abend Grüezi und Adieu gesagt hätten.

Gab es auch schon negative Kritik an Ihnen?

Müller: Ja, das gehört halt auch dazu, wenn man in der Öffentlichkeit steht. In den letzten Jahren hat sich das durch E-Mail und Internet noch verstärkt beziehungsweise verschnellert. Die Leute hauen heute schnell mal aus dem Affekt in die Tasten, wenn ihnen etwas am Fernsehen nicht gepasst hat. Meistens erschrecken sie dann aber, wenn man ihnen antwortet, und sagen, sie hätten es nicht so gemeint.