Es war einmal in Afrika…

Alt werden in der traditionellen Grossfamilie und ein hohes Ansehen geniessen in einer von Kindern geprägten Gesellschaft – Es gilt sich von einem Klischee zu verabschieden. Afrika erlebt ein Altersbeben.

Peter Jaeggi
Merken
Drucken
Teilen
Chausiku Abdallah ist 80 Jahre alt und lebt völlig mittellos in Sansibar. (Bilder: Peter Jaeggi)

Chausiku Abdallah ist 80 Jahre alt und lebt völlig mittellos in Sansibar. (Bilder: Peter Jaeggi)

«Wir werden betrogen! Im Krankenhaus behaupten sie: <Die Medikamente sind alle.> Wir wissen nicht, ob sie lügen oder nicht. Uns reicht es!» Tanzend und singend protestieren alte Männer und Frauen neben der heruntergekommenen Dorfklinik gegen Missstände im Gesundheitswesen. Unter dem mächtigen Mangobaum beklagen sie im Dorf Mwendapole nahe Dar es Salaam ein Schicksal, das sie mit vielen alten Menschen Tansanias teilen. Die 61jährige Ashia Ramaidani erzählt: «Kürzlich wollte ich im Krankenhaus Medikamente holen, da schickten sie mich in die Apotheke. Ich soll sie dort kaufen. Es blieb mir nichts anderes übrig, als unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurückzukehren.»

Ohne Bestechung geht es nicht

Ashia Ramaidani ist Witwe und mausarm. Trotzdem kommt sie noch für sechs Enkelkinder auf, deren Eltern an Aids gestorben sind. Mehr als die Hälfte von Tansanias 1,3 Millionen Aids-Waisenkindern lebt unter der Obhut älterer Leute, also von Menschen, die eh nichts haben. Ashia Ramaidani leidet an Gicht und starken Schmerzen.

Laut Gesetz müsste sie für die Behandlung und die Medikamente nichts bezahlen. Müsste. «Der Staat versichert, dass sich alte Menschen – alt ist man in Tansania ab 60 Jahren – in öffentlichen Gesundheitseinrichtungen kostenlos behandeln lassen können», sagt Elisha Sibale von HelpAge International Tansania, eines entwicklungspolitischen Hilfswerkes. «Doch das ist nur auf dem Papier so», sagt Sibale.

Vier Fünftel der alten Menschen wohnen auf dem Land, oft weit entfernt von einem Spital. Endlich dort angekommen, verlangt man von ihnen Geld und so kehren viele ohne jegliche Behandlung nach Hause zurück. Dann suchen sie einen traditionellen Heiler auf, der oft nach dem Prinzip Versuch und Irrtum arbeitet. Es sei denn, man hilft im Krankenhaus etwas nach – mit Bestechung, Tendenz steigend. Dies sagt Harold Sungusia, Anwalt des tansanischen «Legal and Human Rights Centre».

«Am schwierigsten ist es für mich, etwas Essen zu finden», erzählt die 80jährige Witwe Asha Mnyimadi. Elisha Sibale sagt, die meisten älteren Menschen in Tansania müssten mit weniger als einem Schweizer Franken täglich auskommen. Die meisten der Älteren leben mit ihren noch jungen Enkeln, die Waisen sind, was den Haushalt stark belastet. «Sehr viele leiden unter Mangelernährung», glaubt Sibale.

Alter bedeutet Armut

Peter van Eeuwijk ist Ethnologe an den Universitäten Basel, Zürich und Freiburg im Breisgau und leitet eine Langzeitstudie über die Alterssituation in Tansania. Seine vorläufige Bilanz: «Die alten Leute können vom Staat wenig bis nichts erwarten.» «Um zu überleben, müssen alte Menschen häufig bis zum letzten Atemzug arbeiten», sagt Daniel Smart von HelpAge.

Viele sehen in einer Rente einen Beitrag an die Armutsbekämpfung, doch erhalten nur vier bis fünf Prozent eine bescheidene Pension. Bereits seit über zehn Jahren diskutiert Tansania das Thema. Das Parlament hat der Schaffung einer Altersrente politisch grundsätzlich zugestimmt. Doch das Vorhaben scheiterte an der Finanzierung.

Afrikanisches Wunder

Besuch auf Sansibar, der teilautonomen tansanischen Insel. Ngindo Ame Mosis sitzt auf dem Bettrand eines kahlen Zimmers. Die Frau lebt in einem der beiden Altersheime, die es auf Sansibar gibt. Und sie ist ein kleines afrikanisches Wunder. Ngindo Ame Mosis ist 102 Jahre alt. Dies in einem Land, in dem die durchschnittliche Lebenserwartung für Frauen bei 59 Jahren liegt, jene der Männer bei 57.

Ngindo Ame Mosis kann viel darüber erzählen, wie sich in Tansania das Ansehen des Alters verändert hat: «Als ich jung war, begegneten wir alten Menschen ganz, ganz anders als heute, nämlich mit grossem Respekt. Heute grüssen die Jungen einen nicht mehr und helfen tun sie einem schon gar nicht.»

Die Alterspolitik sowohl auf dem Festland Tansanias als auch auf Sansibar setzt nicht auf Altersheime. Insgesamt nur etwa 1200 Menschen leben in Heimen. Der Staat propagiert die Pflege innerhalb der Familie und der Verwandtschaft, man setzt zudem auf die Unterstützung der Gemeinschaft wie etwa auf Nachbarschaftshilfe. Daniel Smart von HelpAge: «Heime sind oft in einem katastrophalen Zustand.» Bettelnde alte Menschen sind auf Sansibar und in Dar es Salaam ein trauriges Alltagsbild.

Weniger Grossfamilien

Der Menschenrechtsanwalt Harold Sungusia sagt: «Die afrikanische Tradition kennt die Grossfamilie, in der ihre alten Mitglieder aufgehoben sind. Mit dem Kapitalismus, wo das Individuelle im Zentrum steht, gibt es immer weniger dieser Grossfamilien. Die Fürsorge für ältere Menschen innerhalb der Familien ist am Zerbrechen.» Umgekehrt könnten sich ältere Menschen aus finanziellen Gründen auch kaum mehr um Enkelkinder kümmern. «Deshalb sieht man hier nun immer mehr Strassenkinder. Die Situation alter Menschen und der Kinder ist eine soziale Zeitbombe.»

Die Anzahl der alten Menschen wächst rapide – auch in Afrika. Experten sprechen von einem «Agequake», von einem Altersbeben. Ältere Leute sind die am schnellsten wachsende Bevölkerungsgruppe. Etwa 2050 wird einer von fünf Erdbewohnern über 60 Jahre sein. Erstmals wird es dann mehr ältere Menschen geben als Kinder.

Alte Frauen als Opfer der Hexerei

Laut dem neusten Report des «Legal and Human Rights Centre» wurden in Tansania im Jahr 2012 nicht weniger als 630 ältere Frauen umgebracht, die der Hexerei bezichtigt worden sind. Ein Beispiel aus dem Menschenrechtsreport: «Am 22. Februar 2012 tötete im Dorf Usevya ein Mob drei ältere Frauen wegen Hexerei. Der Mob machte sie verantwortlich für das Ausbleiben des Regens. Keiner der Mörder wurde verurteilt.»

Es gibt in Tansania und in manch anderen afrikanischen Gegenden sozusagen keinen natürlichen Tod: Stirbt jemand, ist es meist die Schuld einer Hexe. Nicht selten organisieren Angehörige dann einen Auftragskiller, der die vermeintliche Hexe umbringt. Dafür bekommt er bis zu 300 000 tansanische Schilling, umgerechnet etwa 170 Franken. Es geht aber auch billiger.

Etwa 90 Prozent der Menschen in Tansania glauben an Hexerei, das zeigte eine Umfrage, erstaunlicherweise unabhängig vom Bildungshintergrund. 630 Mordopfer, das ist nur die Spitze eines Eisberges. Jedes Jahr werden um die 4500 Hexenfälle öffentlich. Die Dunkelziffer dürfte ein Vielfaches davon sein.

Böse Medizinmänner

Eine besonders verwerfliche Rolle spielen dabei traditionellen Medizinmänner. Es seien in der Regel diese traditionelle Heiler, die bestimmen, wer eine Hexe ist, sagt Hexenforscher Simeon Mesaki von der Universität Dar es Salaam. Deren Wahrsagerei ist in Tansania ein grosses Geschäft. Der Kunde will etwas für sein Geld. «Bei der ganzen Geschichte geht es eigentlich um Sündenböcke und um Vorurteile. Man sucht Schuldige für dieses und jenes. Opfer werden dann unfruchtbare Frauen, aber vor allem arme Witwen, die schutz- und machtlos sind.»

Hexenglaube und Altersarmut hängen eng zusammen. Denn es sind fast ausschliesslich alte, arme Witwen, die Opfer von Hexenverfolgungen werden. Ihre desolate ökonomische Lage, eine von Männern beherrschte Gesellschaft und die damit verbundene ungleiche erbrechtliche Situation machen alte Frauen verwundbar. – All dies und das Fehlen eines formellen Rentensystems sowie die unzureichende Gesundheitsversorgung sind grosse Hindernisse auf dem Weg zu einer Besserstellung der alten Menschen in Tansania.

Abdullah Omar aus Sansibar.

Abdullah Omar aus Sansibar.

Ngindo Ame Mosi ist 102 Jahre alt, ein Wunder in Afrika.

Ngindo Ame Mosi ist 102 Jahre alt, ein Wunder in Afrika.