«Es fehlt eine echte Rockband!»

Seit vierzig Jahren rocken AC/DC, als ob Synthis und langsame Tempi nie erfunden worden wären. Daran ändert sich auch beim neuen, siebzehnten Album «Rock Or Bust» nichts, wie Angus Young und Cliff Williams erzählen.

Hanspeter Künzler
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Keine Müdigkeit: Angus Young von AC/DC während eines Konzerts in Madrid. (Bild: epa)

Keine Müdigkeit: Angus Young von AC/DC während eines Konzerts in Madrid. (Bild: epa)

Kein Wermutstropfen soll die zünftige Rock 'n' Roll-Stimmung trüben. So scheinen es sich AC/DC zu wünschen. Dabei gaben die Ereignisse um die Band in letzter Zeit einiges zu reden. Zuerst war es der traurige Rückzug aus dem Aktivdienst vom Gründer der Band, dem Rhythmusgitarristen Malcolm Young, der an Demenz leidet. Und am Tag vor unserem Interview kam die Meldung, Drummer Phil Rudd sei in seiner neuseeländischen Wahlheimat verhaftet worden und stehe unter Verdacht, einen Auftragskiller angeheuert zu haben. Das gäbe einigen Gesprächsstoff ab. Aber bevor ich zum Rendez-vous mit Gitarrist Angus Young und Bassist Cliff Williams in die Hotelsuite geführt werde, bekomme ich von der Plattenfirma den dringlichen Rat, beide Themen nicht anzuschneiden: «Sonst verlassen sie unverzüglich den Raum.»

Herr Young, passiert es, dass Sie glauben, ein tolles neues Riff erfunden zu haben, und plötzlich merken Sie: Verdammt, das Riff hat jemand anders erfunden?

Angus Young: Das kommt schon vor, ja. Ist auch kein Wunder. Es gibt ja bloss zwölf Noten. Deine Arbeit besteht darin, eine Kombination von diesen zwölf Noten zu finden, die dir gefällt. Da kann's schon passieren, dass sich die Kombinationen wiederholen.

Sie scheinen über ein endloses Reservoir von Riffs zu verfügen. Kommen täglich neue dazu?

Young: Endlos, das stimmt wohl! Wenn ich Glück habe, springt mir mit einem Schlag ein komplettes Stück aus dem Kopf. Andere Male ist es bloss der Fetzen eines Stückes, und ich erinnere mich daran, dass ich vor Jahren mal einen anderen Fetzen festgehalten habe, der dazu gut passen würde. Den hole ich dann hervor, und boom! Schon haben wir einen neuen Song!

Bei den Aufnahmen für «Rock Or Bust» wurde die Rolle, die früher Malcolm gehörte, erstmals vom Neffen Stevie Young übernommen. Hat sich die Dynamik verändert?

Cliff Williams: Stevie hat zur Band gepasst wie der sprichwörtliche Handschuh zur Hand. Malcolm hatte einen ganz besonderen Stil. Er war unverkennbar. Stevie ist damit aufgewachsen. Er spielt genauso wie Malcolm. Starke, solide Ware.

Sie waren in Australien von Anfang an erfolgreich. Anderswo blieben Sie noch lange ein Geheimtip. Hat Ihre Musik damals einem besonderen australischen Rock-Bedürfnis entsprochen?

Young: Die Sixties waren eine aufregende Zeit gewesen. Beatles, Stones und viele andere mehr. Am Anfang waren auch die Seventies noch O. K., wir hatten nun Led Zeppelin und The Who. Dann aber wurde die Welt plötzlich weich. Die Charts wurden langweilig. Dabei war die Musik, die man bei uns in den Bars und Clubs hörte, weiterhin laut und intensiv. Als Malcolm AC/DC formierte, sagte er: «Es fehlt eine echte Rockband!» Er hatte recht. Die Hallen waren für uns von Anfang an voll. Die Leute gingen schweinisch mit. So wussten unsere Einstellung zu schätzen. Unser Débutalbum war in Australien erfolgreicher als all dieses Pop-Zeug.

Vor AC/DC hatten praktisch nur die Bee Gees und die Easybeats (mit Ihrem Bruder George) den Sprung aus Australien hinaus geschafft. Hatten Sie damals keine Angst, dass Sie ewig in australischen Bars auftreten würden?

Young: Überhaupt nicht. Es ging uns ja hervorragend. Wir kamen überall gut an. Und wir waren noch so jung! Es reichte uns vollauf, zu einer tollen Band zu gehören. Bands aus den USA und England sorgten dafür, dass sich unser Ruf bald auch in diesen Ländern verbreitete. So entstand eine grosse Nachfrage, noch ehe wir Australien zum erstenmal verliessen. Wir konnten zwischen mehreren guten Plattenverträgen auswählen. So was war damals höchst ungewöhnlich.

Von den Chart-Plazierungen her war Ihr letztes Album «Black Ice» Ihr erfolgreichstes überhaupt – überall – USA, England, Australien, Schweiz etc. – Rang 1 in den Charts. Welchen Einfluss hatte der Erfolg auf Ihre Arbeitseinstellung fürs Nachfolgewerk?

Young: Naja, wir haben halt über die Jahre hinweg Glück gehabt. Unsere Musik scheint einen Nerv getroffen zu haben. Immer wieder. Man sagte schon bei den Beatles, Gitarrenbands seien vorbei. Falsch! Die Menschen lieben Rock 'n' Roll. So wie sie auch Elvis immer noch lieben. Und offenbar auch uns!

AC/DC, Rock or Bust (Sony)