Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Vielen Dank für Ihre Bestellung. Wir wünschen Ihnen viel Spass beim Lesen.

«Es braucht das innere Feuer»

Christa Luginbühl ist bei der Erklärung von Bern zuständig für den Bereich Clean Clothes Campaign. Ein Feld, in welchem in Tieflohnländern des Südens und in Osteuropa Arbeitskräfte gnadenlos ausbeutet werden.
Brigitte Schmid-Gugler
Die 40jährige Bernerin Christa Luginbühl hält nichts vom Begriff Barmherzigkeit. Sie plädiert für mehr Respekt vor den Fabrikarbeiterinnen. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Die 40jährige Bernerin Christa Luginbühl hält nichts vom Begriff Barmherzigkeit. Sie plädiert für mehr Respekt vor den Fabrikarbeiterinnen. (Bild: Brigitte Schmid-Gugler)

Man könne es Zufall nennen – oder auch nicht, dass sie bereits im Alter von 22 Jahren ihre erste Beschäftigung bei einer NGO fand. Soziale Gerechtigkeit sei für sie immer sehr wichtig gewesen, auch, als sie in den 1990er-Jahren beschloss, Lehrerin zu werden. Doch als sie 1997 das Seminar in Bern abschloss, herrschte Lehrerüberschuss, «von 21 Studierenden fanden vier eine Stelle, es war klar, dass man sich beruflich anders orientieren musste», erzählt Christa Luginbühl im Aufenthaltsraum der in Zürich angesiedelten Erklärung von Bern. 1968 von reformierten Theologen als unabhängige Schweizer NGO für eine gerechtere Globalisierung gegründet und drei Jahre später als Verein konstituiert, nimmt die EvB unter anderem mit breit angelegten Kampagnen Einfluss auf entwicklungspolitische Fragen. Heute hat die Bewegung über 25 000 Mitglieder. Für das Netzwerk Clean Clothes Campaign arbeitet Christa Luginbühl seit acht Jahren.

Zähe Veränderungsprozesse

Den «Glücksfall» ihrer Umorientierung bezeichnet die heute 40-Jährige als «eine permanente persönliche Herausforderung, bei der man sich immer bewusst sein muss, wie viel, aber auch wie wenig man bewegen kann, im Wissen, dass sich die Welt nicht von heute auf morgen verändern lässt». Es brauche das innere Feuer, «und das ist nun nicht einfach idealistisch gemeint. Die Gefahr, dass man abstumpft oder sich ausbrennen lässt, lauert ständig. Denn es geht sehr langsam vorwärts, und die Menschenrechtsverletzungen nehmen teilweise fast unerträgliche Ausmasse an.» Man bewege sich in einem Dunstkreis von abstrakten Richtlinien, Grundsätzen und Regeln, die in konkreten Fällen nicht selten mit einer brutalen Wirklichkeit kollidieren. «Wir besuchten NGO-Kolleginnen in Kambodscha, die Fabrikarbeiterinnen zu gesundheitlichen Fragen beraten. Blasenentzündungen beispielsweise sind eine häufige Erkrankung der Näherinnen, die wenig trinken, weil sie nicht auf die Toilette dürfen. Eine Näherin sagte zu mir, <was Ihr macht, ist gut, aber was hilft uns das hier?> Das macht einen schon irgendwie hilflos, weil es oft zutrifft, dass Kampagnen nicht so unmittelbar wirken, wie es für betroffene Arbeiterinnen notwendig wäre.»

Der Standort der EvB, in einem unscheinbaren Hinterhofgebäude, befindet sich zwischen Hauptbahnhof und Langstrasse, einer Zürcher Gegend also, in der mindestens ein Aspekt der von EvB fokussierten Themenbereiche einen auf Schritt und Tritt begleitet: Die Europaallee preist sich unter anderem an als einen Ort des «entspannten und gepflegten Shoppens. In einer stetig steigenden Anzahl von interessanten Läden und Boutiquen für Schmuck, stylische Mode, Delikatessen» und so weiter.

Es wäre interessant, mit Christa Luginbühl durch die neue Einkaufsmeile zu schlendern und sie zu fragen, welche Kleidermarken das Label fair trade verdienten. Doch es ist nicht minder spannend, der Expertin zuzuhören, was sie über einen der schockierendsten Bereiche missachteter Menschenrechte zu sagen hat. Über die Verweigerung, den Menschen in den Fabriken einen Existenzlohn zu bezahlen, und über die Profitmaximierung in den Konzernzentralen der Bekleidungsindustrie, deren Unternehmen sich vermehrt in der inzwischen als «Tessiner Fashion Valley» bezeichneten steuergünstigen Südschweiz ansiedeln. Moderiesen wie Armani, Versace, Guess, Hugo Boss, Gucci sind darunter mit notabene einem Umsatz von zwölf Milliarden im Jahr 2012. Mitglieder mehrerer dieser Konzerne, welche allesamt in Billiglohnländern produzieren lassen, waren im März eingeladen worden, im Rahmen des Genfer Festivals du Film an einem Podium teilzunehmen. Niemand sagte zu. «Was sehr enttäuschend war», sagt Christa Luginbühl. «Die Organisierenden des Festivals hatten sich sehr darum bemüht, jemanden von Benetton, H & M oder Inditex auf dem Podium zu haben. Aber alle lehnten ab mit zum Teil undurchsichtigen Gründen. Es wäre ein guter Moment gewesen für einen Austausch. Denn darum geht es ja im Kern, dass öffentliche Debatten darüber geführt werden, wie man die Industrie gestalten kann und was man als Gesellschaft akzeptieren oder eben nicht mehr hinnehmen will.»

Den Wert der Arbeit schätzen

Christa Luginbühl sass auf dem Podium in Genf neben Babul Akhter, dem in Bangladesh tätigen Gewerkschaftssekretär der dortigen Textilindustrie. Sie greift in ihrer Schilderung der Begegnung einen Aspekt auf, der weit über eine militante Boykottierung der menschenunwürdigen Produktionsstätten mit den sich wiederholenden Katastrophen hinausreicht. «Der Boykott wäre die falsche Lösung. Es muss darum gehen, dass die Entwertung der Kleider aufhört, dass sie keine Wegwerfware sind, die über den Preis und die Werbung impliziert, dass ein Kleidungsstück nichts wert ist.» Es gehe um die Anerkennung für die Berufsleute, die diese Jobs machen. Natürlich sei es nicht schön, unter Bedingungen arbeiten zu müssen, welche die elementaren Arbeitsrechte verletzen. «Doch nicht alle fühlen sich als Opfer. Ich erinnere mich an eine Gewerkschafterin in Bangkok, die für einen Triumph-Zulieferer gearbeitet hatte. Elf Jahre lang nähte sie immer die gleiche Naht an einem Büstenhalter.» Darauf sei sie stolz gewesen, sie habe ihren Job gern gemacht. Als sie begonnen habe, sich gewerkschaftlich zu engagieren, habe man ihr gekündigt. «Sie gründete dann eine Frauenkooperative, die selber Unterwäsche herstellt. Die Frauen, die dort arbeiten, sagten, das sei das, was sie am besten können. Davor habe ich Hochachtung.»

Nur Mitleid zu haben mit den «armen Näherinnen», schaffe sofort ein Ungleichgewicht. «Darum habe ich Mühe mit dem schwierigen Begriff Barmherzigkeit, weil er ein Ungleichgewicht schafft. Barmherzigkeit interpretiere ich so, dass jemand ein bisschen von seinem grossen Herzen abgibt.» Für sie stelle sich vielmehr die Frage, wie man in einer total ungerechten Welt gemeinsam mit anderen für eine gerechtere Welt kämpfen könne. «Was mich am meisten motiviert, ist, wenn ich merke, da gibt es Leute mit einer ähnlichen Vision. Die wollen genau wie ich keine Wirtschaft, welche die Menschen und die Welt zugrunde richtet.» Ihre Hoffnung gehe dahin, dass die globale Zivilgesellschaft der globalen Wirtschaft die Stirn biete. Sie finde es wichtig, störende Zustände nicht einfach hinzunehmen, sondern sich zu empören. Und das eigene Konsumverhalten insgesamt, nicht nur bei den Kleidern, zu überdenken und so verantwortungsbewusst wie möglich zu handeln. In ihrem Alltag heisse dies: «Ausschliesslich mit öV oder zu Fuss unterwegs sein; kein Auto besitzen; installierte Spar-Wasserhahnen in der Wohnung; Ökostrom beziehen; keine Stand-bys laufen lassen; in Europa nicht fliegen, sondern den Zug nehmen; Geld bei einer alternativen Bank anlegen.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.