ERZIEHUNG: Lasst den Kindern mehr Zeit

Depressionen und Leistungsdruck bei Kindern: Schuld daran ist oft der Freizeitstress. Einigen ­Eltern ist die Grenze zwischen Förderung und Überforderung nicht ganz klar.

Sarah Coppola-Weber
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Selbstvergessenes Spiel: Kinder entwickeln ihr Potenzial am besten, wenn man ihnen Zeit lässt. Und wenn sie sich in ihre Welt vertiefen dürfen. (Bild: Christopher Hope-Fitch/Getty)

Selbstvergessenes Spiel: Kinder entwickeln ihr Potenzial am besten, wenn man ihnen Zeit lässt. Und wenn sie sich in ihre Welt vertiefen dürfen. (Bild: Christopher Hope-Fitch/Getty)

Sarah Coppola-Weber

focus@tagblatt.ch

Montag Klavierunterricht, Dienstag Frühenglisch, Mittwoch Kinderyoga: Die Agenda unserer Sprösslinge liest sich bald wie die eines Spitzenmanagers – die Kinder sind verplanter denn je. Kürzlich brachte eine Umfrage des deutschen Marktforschungsinstitutes Iconkids & Youth zutage, dass jedes dritte Kind zwischen sechs und zwölf Jahren über zu wenig Zeit zum Spielen klagt. Und sogar jedes zweite Kind zwischen zehn und zwölf bemängelt, dass ihm wegen Hausaufgaben, Sportverein und Musikunterricht zu wenig freie Zeit bleibt.

Auch Eltern stehen unter Druck, wollen sie ihren Nachwuchs doch möglichst optimal fördern. «Frühe Bildung» ist zum Schlagwort und gesellschaftlich anerkannten Wert geworden. Nicht selten sind Familien sieben Tage der Woche verplant. «Viele Kinder spüren intuitiv, dass sie mehr Zeit für sich brauchen, aber sie lassen sich durch die Vielzahl von Angeboten ablenken und merken nicht, wann es zu viel ist», sagt der St. Galler Psychotherapeut Klaus Käppeli, der sich auf kindliche Entwicklung spezialisiert hat.

Flut der Möglichkeiten einschränken

«Etliche Angebote kurbeln eher die Wirtschaft an, als dass sie die kindliche Entwicklung bereichern», sagt Käppeli. Kinder bräuchten vor allem Zeit: «Sie selber entwickeln ihr Potenzial, wenn sie sich in ein Spiel vertiefen dürfen.» Auch Zeit, ab und zu gar nichts zu tun. Die Aufgabe der Eltern sei lediglich, die kindlichen Impulse zu verstärken. Und die Flut an Möglichkeiten einzuschränken.

«Ein guter Draht zum Kind ist der Schlüssel zum Erfolg», sagt der Experte. Man soll es beobachten: Kann es beim Spiel bleiben, sich darin vertiefen? Wenn nicht – was fehlt ihm? Was lässt es zur Ruhe kommen? Denn: «Spielen ist eine Grundfähigkeit jedes Kindes.» Kinder nehmen ihre Eltern zum Vorbild und beobachten genau, wie diese mit der Alltagsbelastung umgehen: Legen auch sie ab und zu Pausen ein und halten zwischendurch inne?

«Die Eltern sind wegweisend für die Freizeitgestaltung ihrer Kinder», sagt Experte Klaus Käppeli. Gesundes Verhalten soll vorgelebt werden.Werden die Dinge von aussen an das Kind herangetragen, wenn es in seiner Entwicklung noch nicht so weit ist, könne dies das Potenzial bremsen. Das Kind beginne zu konsumieren statt von innen zu «konstruieren». Es brauche einen Erwachsenen, der es unterstütze, wenn es nötig sei. Hinter der Haltung «Du musst das machen, um es später einfacher zu haben» verstecke sich oft die Angst der Eltern, ihr Kind könnte es später einmal nicht schaffen. Dadurch aber verliere das Kind oft wichtige Werte wie Wertschätzung, Beharrlichkeit und Motivation. «Warum trauen Eltern ihren Kindern so wenig zu?», fragt sich Klaus Käppeli.

Freude ist wichtiger als übertriebene Erwartungen

Der Mensch ist ein Beziehungswesen. «Daher plädiere ich dafür, dass Kinder viel miteinander machen, etwa im Mannschaftssport», sagt Käppeli. Hauptsache, es ist auch Freude im Spiel. Die Eltern sollten nicht den Anspruch erheben, die Tochter oder der Sohn müsse ein Spitzensportler werden, oder Mami und Papi glücklich machen.

Die Grenze zwischen Förderung und Überforderung ist den Eltern nicht immer ganz klar, haben Forscher der Universität Bielefeld herausgefunden, denn: 86 Prozent der Eltern von gestressten Kindern glauben nicht, ihren Nachwuchs zu überfordern. Die Hälfte der Mütter und Väter meint sogar, ihre Kinder nicht genug zu fördern. Psychotherapeut Käppeli winkt ab: «Gesunde Kinder brauchen keine Extra-Förderung von aussen.» Die Impulse kämen von innen – achtsame ­Eltern könnten sie erkennen und unterstützen.