Erste Frühlingsboten

Wer den Frühling kaum erwarten kann, freut sich jetzt bereits über den Gesang der Vögel. Vogelstimmen sind nicht nur schön anzuhören – sie haben lebenswichtige Funktionen, wie Christian Marti von der Vogelwarte Sempach erklärt.

Bruno Knellwolf
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Rotkehlchen-1214b1 (Bild: Photographer: Axel P. SEIDENSCHN (39003633))

Rotkehlchen-1214b1 (Bild: Photographer: Axel P. SEIDENSCHN (39003633))

Es ist wie ein kurzes Aufflackern eines Frühlingsgefühls in unserem Hirn: Aus einem Busch pfeift es in allen Tönen, obwohl im dichten Geäst kein Vogel zu sehen ist. «In dieser Jahreszeit sind das wahrscheinlich Amseln oder Kohlmeisen», sagt Christian Marti von der Vogelwarte Sempach, der zurzeit am Themenheft «Vogelstimmen»* arbeitet, das Anfang April erscheinen soll.

Was uns eine Vorahnung des Frühlings spüren lässt, dient nicht der reinen Freude, wie wir das wohl glauben möchten. Der flötende Gesang der Amsel, die perlende Vogelstimme des Rotkehlchens, der laut schmetternde Gesang des winzigen Zaunkönigs sind alle sehr zielgerichtet.

Ruf und Gesang

In der Vogelwelt unterscheidet man zwischen Gesang und Ruf. «Rufe sind in der Regel kurz und einfach und haben unterschiedliche Bedeutungen. Es sind Bettelrufe, Kontaktlaute der Jungen, Alarmrufe, wenn eine Katze vorbeikommt», erklärt Marti. Der vielstimmige Gesang der Singvögel dient dagegen primär der Revierverteidigung. Das Männchen markiert sein Revier mit Singen und vermeidet damit in der Regel den Kampf mit seinen benachbarten Artgenossen.

«Die zweite wichtige Funktion des Gesangs ist die Werbung, also das Anlocken des Weibchens», sagt der Vogelkundler. Die grössten Sänger in der Vogelwelt sind die Männchen. Bei vielen der rund 250 Singvogelarten in der Schweiz können aber auch die Weibchen singen, besonders intensiv beispielsweise bei den Rotkehlchen.

Das gleiche Prinzip

Doch wie entsteht der Gesang? Bei uns befinden sich die Stimmbänder im Kehlkopf, also an der Kreuzungsstelle zwischen Luftröhre und Speiseröhre. Der Vogel hat keinen Kehlkopf als lauterzeugendes Organ, sondern eine Syrinx. Sie liegt an der Verzweigung der Hauptbronchien und damit am Eingang zur Lunge, wie Marti erklärt. Das Prinzip ist dabei das gleiche wie bei Säugetieren: Die Atemluft streicht über zwei bewegliche gespannte Paukenhäute, die so in Schwingung versetzt werden. Dadurch entsteht ein Ton, dessen Höhe von den Muskeln reguliert wird. Singvögel können mit sieben bis neun Muskelpaaren die Paukenhäute unterschiedlich straffen, andere Vogelarten haben manchmal nur zwei Paare. Während die Krähe neun Muskelpaare hat, besitzt der «sprachgewandte» Papagei erstaunlicherweise nur drei Paare, erklärt Christian Marti.

Weil die Syrinx aus zwei Hälften besteht, können die meisten Vögel diese unabhängig voneinander steuern. «Einige Arten können deshalb zweistimmig singen. Ganz auffällig hört man das bei Staren. Eine Stimme tönt melodisch und die andere wie ein Schlagzeug», schwärmt Marti, der selbst Bratsche, Blockflöte und Gitarre spielt sowie in einem Chor singt und ein feines Ohr für den Vogelgesang hat.

Zweistimmige Sänger sind in der Vogelwelt aber die Ausnahme, meist pfeifen sie mit beiden «Syrinx-Hälften» den gleichen Ton. Nichtsänger können Instrumentallaute erzeugen: Spechte trommeln, die Tauben klatschen mit den Flügeln, Bekassine fliegen auf, spreizen die äusseren Schwanzfedern ab, lassen sich fallen, so dass der Wind in den Federn einen Mecker-Ton erzeugen. Für Marti tönt das eher wie ein Mückenschwarm.

Vater als Vorbild

Den Gesang erlernen die jungen Vögel von den Eltern, in der Regel vom Vater. «Man hat Versuche gemacht mit isolierten Jungsingvögeln. Die einen lernen den Gesang auch ohne Vorbild, andere lernen überhaupt nichts.» Der Teil von angeborener und erlernter Sangeskunst ist also je nach Art unterschiedlich. Gimpel könne man mit intensivem Training sogar dazu bringen, Volkslieder zu singen. «Sie lernen komplexe Melodien recht schnell», sagt Marti.

Verschiedene Dialekte

Unterschiedlich sind auch die Dialekte einiger Vögel – eine Amsel tönt nicht in jeder Region gleich. Allerdings ist nicht jeder Unterschied im Gesang schon ein eigener Dialekt. Bei vielen Vogelarten verfügt jedes Männchen über mehrere variable Strophentypen, beim Buchfink sind es beispielsweise sechs bis acht Strophen, bei der Heidelerche mehr als fünfzig. Eigene Dialekte können aber entstehen, wenn Vögel zum einen lernfähig sind und zum anderen in unterschiedlichen Regionen leben. So tönt zum Beispiel der Regenruf des Buchfinks im Mittelland anders als im Wallis und auch an den Ufern des Bodensees gibt es unterschiedliche Buchfink-Dialekte.

Nicht alle Vögel singen das ganze Jahr über wie beispielsweise das Rotkehlchen. Viele singen nur im Frühling und Sommer, weil sie nach der Verpaarung nicht mehr gewillt sind. «Interessant ist das Verhalten der Nachtigall, die eigentlich in der Nacht und am Morgen singt», erzählt der Vogelexperte aus Sempach. Aber nicht immer: Die Männchen kommen vor den Weibchen aus Afrika zurück, beziehen ihre Territorien und singen. Die Weibchen kommen später und halten im Walde bei dem Männchen an, dessen Gesang gefällt. Das erfolgreiche Männchen hört danach in der Nacht schlagartig mit dem Singen auf, macht aber am Morgen weiter. «Der Nachtgesang ist somit ein Werbegesang, der Morgengesang dient der Revierverteidigung», erklärt Marti.

Früh- und Spätaufsteher

Solche Finessen des Gesangs gibt es viele in der Vogelwelt. Auch was den Einsatz im Laufe des Tages betrifft. Der Zilpzalp beginnt sein Konzert eine Viertelstunde vor Sonnenaufgang, die Kohlmeise und die vielstimmige Mönchsgrasmücke mit dem Aufgang der Sonne, während Distelfink und Grünfink zu den Spätaufstehern gehören und uns erst eine viertel bis halbe Stunde nach dem Sonnenaufgang Frühlingsgefühle bescheren.

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