«Erotik ist eine Knacknuss»

Michaela Friemel und Geneva Moser wollen Schriftstellerinnen werden. Darum studieren sie am Literaturinstiut Biel. Denn Schreiben, sagen sie, könne jeder lernen. Nur den Erfolg nicht.

Lukas G. Dumelin
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Geneva Moser und Michaela Friemel (v. l.) lesen an den Wortlaut-Literaturtagen, die vom 27. bis zum 29. September in St. Gallen stattfinden. (Bild: Urs Bucher)

Geneva Moser und Michaela Friemel (v. l.) lesen an den Wortlaut-Literaturtagen, die vom 27. bis zum 29. September in St. Gallen stattfinden. (Bild: Urs Bucher)

Geneva Moser und Michaela Friemel, erinnern Sie sich, was Sie im letzten Frühling gemacht haben?

Geneva Moser: Sie spielen auf die Erotiklesung an?

Genau.

Michaela Friemel: Wir haben arglos zugesagt und mussten innerhalb kürzester Zeit ein paar Texte zum Thema schreiben. Erotik ist eine ziemliche Knacknuss.

Warum?

Friemel: Es ist sehr schwer, gerade im Bereich der Sexualität nicht auf vorgefertigte Begriffe zurückzugreifen, sondern eine eigene Sprache und eigene Bilder zu finden. Wie schnell wählt man für die Schilderung eines Orgasmus kitschige Bilder!

Moser: Entweder wählt man kitschige Bilder – oder man schreibt vulgär.

Friemel: Die Wörter fehlen einem. Es ist wie auf einem Fischmarkt in Italien: Obwohl man Italienisch kann, kennt man die Begriffe für einzelne Fische nicht.

Sie haben eben das fünfte Semester am Literaturinstitut Biel begonnen. Müssen Sie Bekannten manchmal erklären, was Sie studieren?

Moser: Manchmal ist gut. Oft!

Friemel: Aha, du lernst schreiben, fragen die Leute. Kann man das nicht einfach?

Was ist Ihre Antwort?

Moser: Ich sage immer: Es ist wie bei einer Cellistin. Sie kann ihr Instrument auch studieren und braucht Unterstützung.

Aber was bringt Ihr Studium?

Moser: Das ist eine Frage, die auf zählbare Resultate abzielt. Ich schätze vielmehr die Möglichkeit, mich in einem Studium mit dem eigenen Schreiben zu beschäftigen, von Dozierenden begleitet zu werden und mich mit andern Studierenden auszutauschen. Dinge, die schwer quantifizierbar sind.

Friemel: In Biel unterrichten und studieren viele kompetente Leute. Ihre Sichtweisen zu entdecken ist ein unglaublicher Luxus.

Aber kann man literarisches Schreiben wirklich lernen?

Friemel: Ja. Nur den Erfolg nicht.

Schreiben ist keine Talentfrage?

Friemel: Wichtiger als das Talent ist der Wille, durchzuhalten und viel zu lernen. Als Schriftstellerin durchlebt man lange Phasen, in denen niemand klatscht.

Was treibt Sie dann an?

Friemel: Eine schwierige Frage. Ich glaube, es ist der Drang, etwas verstehen zu wollen – und den Blick zu schärfen. Wer verstehen will, muss genau hinschauen.

Sie sind neugierig…

Moser: … und verliebt in die Sprache. Ohne die Liebe zur Sprache könnte ich auch Biologin sein. Viele Jobs stillen die Neugier.

Friemel: Schreibende dürfen ausprobieren. Ich kann mit der Hand in der Erde graben, um das Gefühl besser zu beschreiben.

Solche Dinge tun Sie wirklich?

Friemel: Das Beobachten ist wichtig. Für einen Text habe ich Adamsäpfel beobachtet. Heben und senken sie sich? Oder bewegen sie sich seitlich? Wann fallen sie uns auf? Beim Schlucken, beim Reden? Oder immer?

Jedes Jahr beginnen in Biel 15 neue Studierende den Bachelor «Literarisches Schreiben». Gibt es Konkurrenzdruck?

Moser: In den ersten beiden Semestern war das ein grosses Thema für mich. Plötzlich beschäftigen sich so viele Leute mit meinen Texten. Jetzt stresst mich das nicht mehr.

Friemel: Das Selbstvertrauen wächst ja. Wir merken, dass alle etwas zu erzählen haben – und jeder tut es auf seine Weise.

Kritiker sagen, das Literaturinstitut katapultiere nur noch mehr Autoren auf den ohnehin gesättigten Literaturmarkt.

Friemel: Das Institut ist nicht realitätsfern. Es ist allen klar, dass viele Schreibende am Existenzminimum leben. Im Rahmen unseres Studiums beschäftigen wir uns auch mit Sozialvorsorge.

Moser: Zudem würden die meisten Studierenden auch ohne Studium schreiben…

Friemel: … und das ist doch gut: Eine Gesellschaft braucht Schriftstellerinnen und Schriftsteller.

Wieso?

Friemel: Längst haben sich alle spezialisiert, niemand hat alles im Blick. Aber genau das versuchen Schriftstellerinnen und Schriftsteller. Sie durchleuchten die Gesellschaft als Ganzes und öffnen neue Denkräume…

… mit ihren Geschichten. Aber ausgerechnet über die Geschichten, die Sie zurzeit schreiben, haben wir noch nicht geredet.

Moser: Es ist auch schwierig, über etwas zu reden, das noch nicht abgeschlossen ist. Wenn ich die Geschichten schon in Worte fassen könnte, hätte ich sie schon geschrieben.

Friemel: Manchmal kommen Kommentare von aussen sehr ungelegen und können das Weiterschreiben behindern.

Aber irgendwann müssen Sie mit dem Text in die Öffentlichkeit.

Friemel: Natürlich, das ist dann auch spannend. Und auch etwas aufregend. Kränkungen können in merkwürdigen Formen daherkommen: Es kann auch etwas gelobt werden, dass man so gar nicht meinte. So kann es sein, dass du einen Roman vollkommen zynisch abschliesst – und die Kritiker sich über den Schluss freuen und ihn als Happy End lesen.