ERNÄHRUNGSEMPFEHLUNGEN: Stillen macht Kinder intelligenter

Kinder brauchen nicht vegane, sondern Mischkost und werden intelligenter, wenn sie voll gestillt werden. Die Ernährung in den ersten 1000 Tagen prägt unser ganzes Leben.

Bruno Knellwolf
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In der Muttermilch steckt alles Lebenswichtige für den Säugling. (Bild: Getty)

In der Muttermilch steckt alles Lebenswichtige für den Säugling. (Bild: Getty)

Bruno Knellwolf

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@tagblatt.ch

Unaufgeregt, aber sehr betont erklärt Berthold Koletzko: «Die Ernährung in den ersten 1000 Tagen unseres Lebens ist für die Gesundheit der gesamten Bevölkerung wichtig. Weil sie lebenslange Auswirkungen auf unseren Körper hat», sagt der Leiter der Abteilung Stoffwechsel und Ernährung an der Kinderpoliklinik der Universität München.

In Tierversuchen zeigte sich, dass eine dreiwöchige Unterernährung eines Neugeborenen lebenslange schädliche Effekte hat. Ein erwachsenes Säugetier trägt dagegen keinen langfristigen Schaden aus dieser temporären Mangelernährung. Das wird nicht nur aus Tierversuchen deutlich, sondern auch aus der Geschichte. Im Zweiten Weltkrieg erlebte Holland im Jahr 1944/45 einen Hungerwinter. Das Gewicht der schwangeren, hungernden Frauen war deutlich tiefer als normal. Es zeigte sich, dass deren Nachkommen deutlich mehr unter starkem Übergewicht, Adipositas, litten. Auch eine andere Studie aus dem Zweiten Weltkrieg zeigt in Österreich die gleichen Effekte: Adipositas, mehr Diabetes in späteren Jahren.

Prävention beginnt schon vor der Zeugung des Kindes

Koletzko sprach am Jahreskongress der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie in St.Gallen am vergangenen Donnerstag von einer frühen Ernährungsprogrammierung. Werde der Säugling falsch «programmiert», entstehe ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Asthma.

Und die Programmierung beginnt vor der Geburt des Kindes. «Wichtig ist, dass Mutter und Vater vor der Schwangerschaft Normalgewicht haben sollten», sagt Koletzko. Denn tatsächlich hat die Gesundheit der Eltern vor der Zeugung schon einen Einfluss auf die Nachkommen. Man spricht von epigenetischen Effekten. Die DNA des Kindes verändert sich durch die Umgebung, durch Umweltbedingungen. Wenn eine davon zu dicke Eltern sind, verändern sich die Gene des Kindes in dieser Richtung. Auch rauchende Schwangere verändern bestimmte Gene des Kindes epigenetisch negativ.

Bei Übergewicht während der Schwangerschaft, verdoppelt sich das Adipositas-Risiko des Kindes, ist die Mutter gar schwer übergewichtig, also adipös, verdreifacht sich das Risiko gar, wie Koletzko erklärt. Ist ein Baby bei der Geburt schwerer als vier Kilogramm, ist das Adipositas-Risiko doppelt so hoch.

Was dagegen tun? Beratung helfe, sagt Koletzko. Die Ratschläge sind eigentlich einfach. Weniger Zucker, mehr gesättigte Fette, mehr Bewegung. Zudem sei es wichtig, dass Frauen während der Schwangerschaft nicht exzessiv zunähmen. «Eine Schwangere braucht am Ende der Schwangerschaft zehn Prozent mehr Energie. Sie muss also nicht für zwei essen», sagt der Kinderarzt. Dasselbe gilt für frisch Geborene. Eine schnelle und hohe Gewichtszunahme erhöht das Asthma-Risiko. «Wer früh schnell wächst, wird später daran leiden.»

Das beste Mittel dagegen ist das Stillen. So steht es auch in den neuen Empfehlungen für

die Säuglingsernährung, welche das Bundesamt für Lebensmittelsicherheit und Veterinärwesen (BLV) vergangene Woche veröffentlicht hat. «Gestillte Kinder sind nach einem Jahr schlanker als nichtgestillte», sagt Koletzko. Mehrere Studien zeigten das. Säuglinge sind keine Erwachsenen. Deshalb müsse die Ernährung im ersten Jahr anders sein, erklärt Christian Brägger vom Kinderspital Zürich. Nicht alle Organe wachsen gleich schnell, der Kopf am schnellsten, weshalb für die Gehirnentwicklung die richtigen Nährstoffe vorhanden sein müssten. «Das Baby braucht mehr Protein», sagt Brägger. Und mehr Wasser. All das ist in der Muttermilch drin. Fehlt diese, hat das fatale Folgen. «1,4 Millionen Kinder sterben weltweit pro Jahr, weil sie nicht optimal gestillt werden.» Die Stillförderung sei somit die wichtigste Massnahme gegen die Kindersterblichkeit. Das sei nicht nur ein Problem der dritten Welt. «Auch bei uns hat das Stillen grossen Einfluss. Das Risiko des plötzlichen Kindstods wird kleiner. Der Haupteffekt des Stillens bei uns ist aber die Vorbeugung vor Infektionen, durch die vielen wirksamen Substanzen in der Muttermilch», erklärt Brägger. Zudem gebe es auch Lang­zeit­effekte: Gestillte Kinder sind im Durchschnitt intelligenter als ungestillte. Eine aktuelle Studie aus Dänemark zeige, dass je ­länger ein Kind gestillt werde, desto ­höher sein Intelligenzquo­tient sei.

Die Empfehlung in den neuen Richtlinien ist klar: Vier bis sechs Monate sollte ein Kind voll gestillt werden. Ansonsten sei in den neuen Empfehlungen, welche die Ernährungskommission der Schweizerischen Gesellschaft für Pädiatrie erstellt hat, nicht vieles neu. Die grösste Änderung betreffe die Allergieprävention. Vor zwanzig Jahren empfahl man, keine Keime ans Kind zu lassen. Heute sieht man das anders: Eine Berührung mit Allergenen schützt präventiv vor Allergien.

Säuglinge, die vegan ernährt werden

Neuartig sind dafür die Anfragen, welche Pascal Müller, Facharzt für pädiatrische Gastroenterologie am Ostschweizer Kinderspital, erhält. «Darf ich mein Kind vegan ernähren?» Ernährung sei für viele eine Ersatzreligion geworden. Oft sei die Hauptmotivation für vegane Ernährung nicht die Gesundheit, sondern Lifestyle und Trend einer urbanen Gesellschaft, in der sich geschätzte ein bis drei Prozent vegan ernährten.

Die Kinderärzte seien die Anwälte der Kinder, sagt Müller. Restriktive Diäten hätten einen Einfluss auf deren Gesundheit. Gerade auch, weil Kinder einen anderen Nährstoffbedarf haben als Erwachsene. Generell gilt: Für ein Kind ist Mischkost, also mit Fleisch, optimal. Vegane Ernährung ist theoretisch möglich, aber mit viel Aufwand verbunden und muss medizinisch begleitet werden. Sicher müsse das Vitamin B 12 beigefügt werden, welches nur in tierischen Produkten vorkomme, erklärt Müller. Gesunde Mischkost und das Stillen werden weiterhin bei den allermeisten Eltern die Nummer 1 bleiben.