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ERNÄHRUNG: «Ich will nie mehr Schoggikuchen essen»

Florian Raatz isst seit einem Jahr keinen Zucker mehr – und er fühlt sich gut damit. Auch Foodblogger berichten, dass sie sich ohne Zucker fitter fühlen. Ernährungsberaterin ­Anneco Dintheer-ter Velde rät hingegen von einem radikalen Verzicht ab.
Melissa Müller
«Ich fühle mich freier und klarer», sagt Florian Raatz über sein erstes Jahr ohne Zucker. (Bild: Benjamin Manser)

«Ich fühle mich freier und klarer», sagt Florian Raatz über sein erstes Jahr ohne Zucker. (Bild: Benjamin Manser)

Melissa Müller

Früher versüsste sich Florian Raatz den Morgen mit Donuts und Schoggigipfel. Bei der Arbeit nippte der Grafiker an einer Cola, zum Zvieri ass er eine Tafel Schokolade. «Je mehr Zucker ich zu mir nahm, desto mehr wollte ich.» Verspürte er Langeweile oder Trauer, griff er zu Süssigkeiten. «Ich glaube, wir essen oft nicht aus Hunger, sondern um Gefühle zu verdrängen», sagt der 36-Jährige. Vor einem Jahr schloss er mit dem Kapitel Zucker ab. In der ersten Woche habe er sich müde und rastlos gefühlt, «ähnlich wie damals, als ich mit dem Rauchen aufhörte». Auch die Nikotinsucht habe zu viel Raum eingenommen: Ständig kreisten seine Gedanken um die Glimmstängel. «Ich fühle mich klarer und freier», sagt der feingliedrige, grosse Mann mit den sanften braunen Augen über sein Leben ohne Zucker.

Für viele stellt er mit seinem asketischen Lebensstil eine Provokation dar. Die einen reagieren mit Unverständnis oder machen sich darüber lustig, die anderen bewundern ihn. «Willst du ein Heiliger werden?», fragen sie. Doch Florian Raatz ist nicht allein – Gesundheitsapostel und Autorinnen von Büchern wie «Mein süsses Leben ohne Zucker» schwören dem Industriezucker ab. Blogger berichten, wie aufgebläht ihr Bauch war, als sie noch Zucker assen. Und wie das «richtige» Essen sie gesunden liess. Ein Heilversprechen für ein besseres Leben? Einige berichten, sie fühlten sich gesünder und hätten eine schönere Haut.

Anneco Dintheer-ter Velde, Ernährungsberaterin am Ostschweizer Kinderspital, sieht keinen Grund, warum ein gesunder Mensch Zucker weglassen sollte: «Wozu sich so drastisch einschränken bei einem Nahrungsmittel, das in unserer Gesellschaft zur Verfügung steht und Teil unserer Kultur ist?» Sie bezweifelt auch, dass Zucker als Droge bezeichnet werden kann. «Ohne Zigaretten und Alkohol kann man leben, ohne Nahrungsmittel nicht.»

Florian Raatz will nie mehr Schokoladenkuchen essen; so wie er auch nie mehr rauchen werde. «Das würde einen Rattenschwanz nach sich ziehen: Sofort würde ich wieder Gluscht verspüren und auf dem Karussell der Sucht fahren.» Wenn zehn Leute um ihn herum einen Kuchen verputzen, bleibt er gelassen und greift zu Trauben. «Weil ich weiss, was ich will und was mir gut tut.» Dabei spare er auch, für die süssen Kicks habe er früher gegen 400 Franken im Monat ausgegeben.

Auch seine Lebenspartnerin isst keinen Zucker mehr, abgesehen von einem Snickers alle paar Monate. Den weissen Haushaltszucker hat das Paar aus der Küche verbannt. Seine drei Kinder dürfen sich mit ihrem Taschengeld kaufen, was sie wollen, auch Süssigkeiten. «Ich unterstütze das aber nicht», sagt der Familienvater. Was der Zucker mit seinen Kindern anstellt, gibt ihm zu denken: «Wenn sie keine Glace bekommen, machen sie ein Riesendrama und sind ausser sich wie Drogenabhängige.» Anneco Dintheer zweifelt daran, ob es klug sei, Kinder zuckerfrei zu erziehen: «Was machen die zuckerlosen Eltern am Kindergeburtstag? Was gibt’s da für Kuchen?» Ausserdem habe sie schon Mütter beraten, deren Kinder gesundheitliche Probleme bekamen, weil ihnen die Eltern zu viel Gemüse und Früchte aufgetischt hatten. Zum Kindergeburtstag hat Florian Raatz einmal einen Kuchen aus purem Kakao gebacken, gesüsst mit Xylit, natürlich hergestelltem Birkenzucker. Dieser ist teurer als Kristallzucker und wirkt in grösseren Mengen genossen abführend. «Man schmeckte fast keinen Unterschied zu einem normalen Kuchen.» Aufgrund einer chronischen Darmerkrankung verzichtet Raatz seit längerem auch auf Koffein, Gluten, Alkohol und Milchprodukte. Er hält sich an ein striktes Regime: Zum Frühstück eine Maiswaffel mit Sojafrischkäse oder Konfitüre, die mit Agavendicksaft gesüsst ist, am Mittag Reis, Hirse oder Kartoffeln mit Gemüse, zum Abendessen ebenfalls. «Es ist schon etwas wenig Abwechslung», räumt er ein. Ab und zu eine Pizza oder sogar einen Besuch bei McDonalds erlaube er sich aber.

Verzicht kann zur Obsession werden

Anneco Dintheer hat schon übergewichtige Patienten betreut, die sich schworen: Nie mehr Zucker. «Das ist nicht realistisch», sagt sie. «Ich empfehle nicht, total auf etwas zu verzichten, das man gern hat.» Wenn man sich eine Sache verbiete, müsse man ständig daran denken. Zudem besteht die Gefahr einer Gegenreaktion: dass man bei Frust das Mass verliert und einen Berg Süssigkeiten in sich hinein stopft. Einer dicken Frau gab sie deshalb den Tipp, sich ab und zu eine hübsche kleine Schachtel Pralinen zu gönnen, statt zwei Tafeln Billigschokolade zu essen – und den Genuss zu zelebrieren. Auch einem fettleibigen Jugendlichen, der Ketchup liebte, schlug sie vor, kleine Ketchup-Portionen zu kaufen, wie man sie in Restaurants erhält. Jeweils am Sonntag durfte er davon schlemmen. «So hat es mit dem Abnehmen geklappt.»

Gibt man einem Baby Zuckerlösung auf die Zunge, macht es ein zufriedenes Gesicht. Verabreicht man ihm Saures oder Bitteres, macht es eine Grimasse. «Zucker löst also etwas Positives aus im Gehirn», sagt Dintheer. Es sei okay, sich ab und zu ein Mars oder Snickers zu gönnen. «Nahrung muss auch praktisch sein.» Um Foodblogs macht die Ernährungsberaterin einen Bogen. Sie plädiert für einen entspannten Umgang mit dem Essen. «Schade, wenn es so viel Platz einnimmt», sagt sie. «Essen sollte die Energie liefern zum Leben. Und nicht ständig Thema sein.»

Zucker ist fast überall drin, auch in pikanten Speisen. Darauf verzichten kann nervenaufreibend sein. Einladungen gestalten sich kompliziert. «Es macht schon ein bisschen einsam», sagt Florian Raatz. Doch ein Waldspaziergang sage ihm inzwischen mehr zu als grosse Feste.

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