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ERNÄHRUNG: Gott auf dem Teller

Über das Essen wird zuweilen gestritten, als ginge es um den rechten Glauben. Kein Wunder: Nahrung und Religion sind untrennbar miteinander verbunden. Ernährung ist die neue Gretchenfrage.
Pascal Hollenstein
Was heute gesund ist, macht morgen krank. Mit grossem Furor wird über die «richtige Ernährung» gestritten. Illustration (Bild: : Tiemo Wydler)

Was heute gesund ist, macht morgen krank. Mit grossem Furor wird über die «richtige Ernährung» gestritten. Illustration (Bild: : Tiemo Wydler)

Pascal Hollenstein

Seit gut einem Jahr wird in vielen Schweizer Städten über die Volksinitiative «Nachhaltige und faire Ernährung» gestritten. Das Volksbegehren verlangt, dass der Staat ein vegetarisches und veganes Angebot fördert. Eingereicht wurde die Initiative von Personen aus dem Umfeld der Denkfabrik Sentience Politics. Der blosse Gedanke an staatliche Speisevorschriften treibt jedem Liberalen zwar die Zornesröte ins Gesicht. Basel hat die Initiative am Sonntag denn auch klar abgelehnt. Zürich ist aber eingeknickt und hat einen Gegenvorschlag akzeptiert.

Ist Fleisch wirklich so böse, dass sich der Staat damit befassen muss? Es gab Zeiten, da war die Bohne das gefürchtetste Nahrungsmittel. Im 6. Jahrhundert vor Christus war das, im Mittelmeerraum. Den Anhängern der Lehren des Pythagoras von Samos war der Verzehr der Hülsenfrucht streng untersagt. Ein Nahrungsmittel-Tabu, über dessen Gründe schon Zeitgenossen rätselten. Aristoteles glaubte, Bohnen gälten als beseelt, denn der Bohnenstängel wachse hohl und ungeteilt aus der Erde und schaffe somit einen direkten Zugang zum Reich der Toten. Andere wiederum mutmassten, die asketischen Pythagoräer mieden Bohnen, weil sie angeblich das sexuelle Verlangen stimulierten; wieder andere begründeten die Bohnenabstinenz mir der Flatulenz nach dem Konsum der proteinhaltigen Pflanzen.

Eigenartige Diäten und heilsbringende Pflanzen

Das Bohnen-Tabu ist aus heutiger Sicht gewiss skurril. Doch verhalten sich die immer zahlreicheren Personen im 21. Jahrhundert, die sich freiwillig allerhand eigenartigen Diäten unterziehen, wirklich rationaler?

Es gibt, 2600 Jahre nach Pythagoras, Personen, die glauben, sich wie in der Steinzeit ernähren zu müssen. Es gibt Personen, die nur Fisch, aber keine anderen tierischen Proteine zu sich nehmen; solche, die zwar Eier und Milch konsumieren, aber kein Fleisch und Geflügel. Dann gibt es solche, die gar keine tierischen Produkte zu sich nehmen, solche, die nur Rohes verzehren oder nur Gemüse, das nicht in der Erde gewachsen ist, oder nur Früchte, die von selber vom Baum gefallen sind. Es gibt wieder­um Menschen, die Nahrungsmittel nach einer elaborierten Säftelehre einteilen oder nach den Kategorien «Warm» und «Kalt» beurteilen oder die grosse Energie darauf verwenden, zum Beispiel Kohlenhydrate aus ihrem Speiseplan zu verbannen.

Immer mal wieder feiert auch ein Nahrungsmittel einen Triumphzug als gesundheitlicher Heilsbringer und Superfood: Grapefruit, Ananas und Dinkel noch im 20. Jahrhundert, zuletzt die Avocado, der Grünkohl, Quinoa oder Chia-Samen.

Anhänger derartiger Speisegebote behaupten zumeist, sie handelten vernünftig. Sie verweisen etwa auf einen ­angeblichen gesundheitlichen Nutzen dieser oder jener Diät. Das sind freilich Thesen, die einer wissenschaftlichen Überprüfung zumeist nicht standhalten. Oder sie argumentieren damit, diese oder jene Ernährungsform sei für den Planeten besser. Zur letzten Gruppe zählen insbesondere die Fleischlosen. Ausgeblendet wird dabei zweierlei. Erstens, dass eine landwirtschaftliche Produktion in nennenswertem Umfang im Grasland Schweiz ohne Tierhaltung gar nicht möglich ist und die meisten für eine Veganer-Diät notwendigen Ingredienzien aus aller Herren Länder hierher gekarrt werden müssen. Und zweitens – im Fall der Vegetarier –, dass man beispielsweise keine Milch herstellen kann, ohne Viehzucht zu betreiben. Soll man Kälber und Rinder denn etwa wegwerfen, statt ihr Fleisch zu geniessen?

Die Vernunft hat auf dem Teller keinen Platz

Wahr ist: Vernunft und Diäten vertragen sich in aller Regel schlecht. In der Geschichte der Menschheit haben sich Speisegebote zumeist einer medizinischen oder ökonomischen Rationalität entzogen. Vielmehr bilden sie Teil einer religiösen Ordnung, welche nicht nur die Taten der Menschen in rein und unrein unterteilt, sondern auch deren Ernährung. Indem die Angehörigen einer Religionsgruppe diese Speisegebote einhalten und ihrem Körper ausschliesslich das in ihren Augen Gute zuführen, werden sie Teil einer göttlichen Ordnung und stärken ihre Bindung zur jeweiligen religiösen Gemeinschaft. Das gilt für das Judentum in besonderem Mass, aber auch etwas weniger ausgeprägt für den Islam. Eine Steigerung erfährt der Gedanke im Christentum: Die Gemeinschaft mit Gott erlangt, wer ihn in der heiligen Kommunion isst. Ein Superfood für weniges Leben gewissermassen. Hölle oder Paradies, gläubig oder ungläubig, das Essen als Weg zum Heil oder zur Verdammnis – um nichts weniger geht es bei Speisegeboten. Dieses Grundmuster ist tief in der Menschheit verwurzelt.

Gewiss, die hergebrachten Konfessionen sind in der Schweiz tendenziell auf dem Rückzug. Wer freilich glaubt, dass religiöse Grundmuster ebenfalls verschwänden, der täuscht sich. Solange es Menschen gibt, werden sie an etwas glauben wollen. Und wenn dieser Glaube sich nicht mehr in einer religiösen Gemeinschaft erleben lässt, so sucht er sich andere Wege.

Man kann behaupten: Die Versessenheit, mit der sich manche Personen mit ihrer Ernährung befassen, wie sie sich und anderen – nun nicht mehr im religiösen, sondern im staatlichen Raum – stets neue Ernährungsgebote auferlegen wollen, hat in gewisser Weise den Charakter einer säkularisierten Ersatzreligion. Die Hoffnung auf ein wenn nicht ewiges, so doch verlängertes Leben inklusive. Daher der Furor, auch der politische, wenn über das Essen gestritten wird. Und daher die Irrationalität mancher Debatte.

Im Grunde sind wir keinen Schritt weiter als die Pythagoräer mit ihren schrecklichen Bohnen.

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