Erleuchtung der Herzen

Weihnachten ist ein Fest des Lichtes in der dunkelsten Zeit des Jahres – die Römer feierten in diesen Tagen den unbesiegbaren Sonnengott. Im christlichen Glauben und in der Liturgie steht das Licht für Leben, Wärme, Orientierung.

Bettina Kugler
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Licht sein, Licht weitergeben: Die weihnachtliche Freude leuchtet das Kirchenjahr hindurch weiter; Kerzen sind sichtbare Zeichen dafür. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

Licht sein, Licht weitergeben: Die weihnachtliche Freude leuchtet das Kirchenjahr hindurch weiter; Kerzen sind sichtbare Zeichen dafür. (Bild: ky/Gaëtan Bally)

In den Liedern, die seit Jahrhunderten in den Wochen vor Weihnachten gesungen werden, zieht sich ein heller Schein von Strophe zu Strophe. Kaum eines, das nicht den «Morgenstern der finstern Nacht» herbeisehnt, das nicht den «freudenreichen Strahl», das «ewig‘ Licht» verheisst oder die Sonne in der dunkelsten Zeit des Jahres anruft, wie Friedrich Spees «O Heiland, reiss die Himmel auf». «O klare Sonn‘, du schöner Stern, / dich wollen wir anschauen gern», heisst es da, und weiter: «O Sonn, geh auf, ohn‘ deinen Schein / in Finsternis wir alle sein.»

Im Glanz des Göttlichen

Weihnachten ist ein Lichterfest; als solches wird es auch von Menschen gefeiert, die mit seinem religiösen Ursprung nichts anfangen können. Licht zeugt Leben, gibt Wärme und Orientierung. Die Schöpfung beginnt mit Licht, mit dem Urknall. In vielen Kulturen wird das Licht als göttlich verehrt. Die alten Ägypter feierten den Sonnengott Aton, die Römer den Sol invictus – in den Tagen des tiefsten Sonnenstandes. Ein symbolischer Platz im Kalender, den die Christen, kaum wurden sie nicht mehr verfolgt, mit dem Fest der Geburt Jesu besetzten.

Wer glaubt, sieht in der ersten Dämmerung des Universums den Einfall Gottes in die Welt. An Weihnachten leuchtet dieses Licht aus einer notdürftigen Behausung, dem dunklen Stall. Der Engel, der den Hirten auf dem nächtlichen Feld die Geburt des Retters verkündet, umstrahlt sie mit göttlichem Glanz, so überliefert es das Lukasevangelium. Dann folgen die Weisen dem hellen Stern nach Bethlehem. Das Kind in der Krippe ist menschgewordenes göttliches Licht, «ein Licht, das die Heiden erleuchtet», heisst es im Lobgesang des Simeon (Lukas 2, 29–32).

Hoffnungsschimmer

Verheissen wird dieses Licht des Heils in einem zentralen Text des Alten Testaments, der auch in der Mitternachtsmesse zu Weihnachten gelesen wird: «Das Volk, das im Dunkel lebt, sieht ein helles Licht; über denen, die im Land der Finsternis wohnen, strahlt ein Licht auf», steht im Buch des Propheten Jesaja. In den dunkelsten Tagen der deutschen Geschichte betet Dietrich Bonhoeffer, Theologe im Widerstand gegen die Nationalsozialisten: «In uns ist es finster, aber bei dir ist Licht.»

Adventliche Lichtgestalten

Die immer kürzer werdenden, lichtarmen Tage, die kalten, früh einbrechenden Nächte lassen uns auch in der Komfortzone eines beheizten, mit mehr als dem Lebensnotwendigen versorgten Daseins die Erfahrung seelischer Finsternis und Leere machen. Umso mehr erfreuen wir uns an jedem noch so kleinen Schimmer. Wir schmücken die Wohnung mit einem Adventskranz, wir zünden Kerzen an und stellen sie vor Fenster und Türen; der leuchtende Tannenbaum steht sinnbildlich für Weihnachten, in Shopping Malls ebenso wie in Schulhäusern, Bahnhofshallen, Kirchen. Ein Lichtermeer funkelt in Vorgärten, in den Einkaufsstrassen der Innenstädte. In diesem Licht mischen sich christlicher Glaube und vorchristliches Brauchtum. Und ja: verkaufsfördernd wirkt es zudem in den finstersten Wochen im Jahreslauf.

Die Sehnsucht nach Licht, nach dem Schein, der die Nacht durchbricht, wird schon im November zum Ausdruck gebracht, wenn am Martinstag Kinder mit Laternen durch die Strassen ziehen. Der heilige Martin von Tours, der seinen Mantel mit einem fast erfrorenen Bettler teilt, zählt zu den vorweihnachtlichen «Lichtgestalten», schreibt Ulrich Lüke, Professor für Systematische Theologie. Im Advent folgen die Feste der heiligen Barbara, des heiligen Nikolaus, der heiligen Lucia. «In ihnen reflektiert und bricht sich wie in Kirchenfenstern das Licht, das von Gott kommt», so Ulrich Lüke.

Licht wird zum beherrschenden Symbol im christlichen Glauben und in der Liturgie – nicht nur zu Weihnachten und bei Taufen, sondern das ganze Kirchenjahr hindurch. Betende Menschen entzünden Opferkerzen, sie geben ihrem Anliegen damit sichtbare Gestalt. Zu jedem Gottesdienst gehören Kerzen: am Altar, zur Schriftlesung am Ambo, am Tabernakel. Sie stehen für lebenspendende Wärme und verzehrende Hingabe. Die Tradition der adventlichen Rorate-Messen vor Tagesanbruch lebt vielerorts wieder auf. In der Osternacht wird ein Feuer entfacht, die Osterkerze mit dem Ruf «Christus, das Licht» (Lumen Christi) in die dunkle Kirche getragen, das Licht an die versammelte Gemeinde weitergegeben.

Explosion des Lichts

Jesus selbst sagt von sich, «ich bin das Licht der Welt», und beauftragt die Jünger, Licht in die Welt zu tragen. Der Isenheimer Altar des Renaissance-Malers Matthias Grünewald zeigt den Auferstandenen als Explosion gleissenden Lichtes. Die allgegenwärtigen Sterne und Tannenbäume mögen ein fahler Abglanz davon sein. Man kann sie aber auch als Lichtsignale sehen. Wie all die alten Lieder, die vom Ende der Nacht künden.

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