ENTSCHEIDE: Wandel widerstrebt uns

Menschen brauchen Gewohnheiten und halten deshalb belastende Beziehungen eher aus. Eine Studie verspricht Glück durch Veränderung. Den Schritt ins Ungewisse wagen die meisten aber nur widerwillig.

Angela Bernetta
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Die Wahl zu haben, kann einen Menschen belasten, wenn er die Routine liebt. (Bild: Getty)

Die Wahl zu haben, kann einen Menschen belasten, wenn er die Routine liebt. (Bild: Getty)

Angela Bernetta

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@tagblatt.ch

Endlich den Job kündigen und eine Weltreise machen. Oder die Beziehung beenden, die längst in Routine erstarrt nur noch aus Gehässigkeiten besteht: Die meisten Menschen spielen früher oder später mit diesen Gedanken. «Vor eineinhalb Jahren habe ich mit der Ausbildung zur erzbischöflichen Organistin begonnen», antwortet Maja Storch auf die Frage nach grossen Veränderungen in ihrem Leben. Die 58-Jährige ist Psychologin und wissenschaftliche Leiterin am Institut für Selbstmanagement und Motivation in Zürich. «Diese Veränderung ist natürlich toll und bereichert mein Leben ungemein.» Grundsätzlich mögen es die meisten Menschen aber eher gleichförmig, halten sich an Routine, Verlässlichkeit und Rituale. Die meisten fürchten sich vor Veränderungen, wenngleich ein Neustart vielversprechend wäre.

Eine Studie der Universität von Chicago zeigt, dass grosse Veränderungen im Leben glücklich machen. Die unlängst durchgeführte Erhebung basiert auf Entscheidungen, welche die Probanden entweder anhand eines virtuellen Münzwurfes oder aus freien Stücken für oder gegen eine einschneidende Veränderung fällten. Das Ergebnis war erstaunlich: Nach rund einem halben Jahr fühlten sich all jene erheblich besser, die den Job gekündigt oder die Beziehung beendet hatten, also eine massgebliche Veränderung zuliessen. Dies unabhängig davon, ob sie die Entscheidung willkürlich oder willentlich getroffen hatten.

Veränderungen tun gut

Jene, die alles beim Alten beliessen, blieben unzufrieden. So sehr Menschen grosse Veränderungen scheuen, tun ihnen diese also meist gut, schliessen die Wissenschafter daraus. Belanglose Fragen hingegen, ob man sich die Haare schneiden soll oder eher nicht, hatten keinen Einfluss auf das Befinden der Probanden. Diesen Versuchsgruppen ging es mit ihrem Entscheid vor und nachher gleich gut.

«Ob Veränderungen gut oder schlecht sind, hängt von der individuellen Bewertung ab», sagt Maja Storch. «Buche ich beispielsweise einen Abenteuerurlaub, will ich Spannendes erleben.» Gerate das Flugzeug auf der Reise allerdings in Turbulenzen und müsse notlanden, sei man vom Aufruhr kaum begeistert. «Unser Gehirn will eigentlich keine Veränderungen», fügt Maja Storch an. «Es muss mit diesen zurechtkommen, und das ist anstrengend.»

Studien belegen, dass das Hirn viel Zucker und Sauerstoff braucht, um Neues zu verarbeiten. «Um Energie zu sparen, wandelt es folglich alles Tun schnellst möglich in Routinehandlungen um», ergänzt die Psychologin. Ausserdem schüttet das Gehirn nach reichlich Routinetätigkeit körpereigene Opiate aus, also Wohlfühldrogen. Dies sei ein wichtiger Grund, sagen Neurologen, weshalb uns Gewohnheiten so lieb sind. «Natürlich gibt es Menschen, die mehr Neues erleben wollen als andere», ergänzt Maja Storch. «Diese Zeitgenossen sind sehr offen und neugierig. Sie wollen viel wissen und erfahren, da sie sich schnell langweilen.»

Loslassen ist schwer

«Wir entscheiden uns immer dann für grundlegende Veränderungen, wenn die Hoffnung auf ein gutes Ergebnis überwiegt», sagt Storch. Doch nicht immer sind die Folgen absehbar. «Menschen, die in schwierigen Entscheidungssituationen stecken, sollten mit möglichst vielen Leuten darüber reden», rät die Psychologin. «Auf diese Weise sammelt man Ideen.» Dabei gelte es darauf zu achten, welche Ratschläge ein Bingo-Gefühl auslösen. «Diese Reaktionen lassen sich als Wegweiser nutzen.» Gabriela Schneider beispielsweise liess nach langem Zögern und vielen Gesprächen ihren ungeliebten Job endlich hinter sich. «Ich habe gekündigt, ohne eine neue Arbeitsstelle in Aussicht zu haben», sagt die 45-Jährige. «Und ich fühle mich sehr gut mit diesem Entscheid.»

Mit grossen Veränderungen gehen oft Ängste, innere Konflikte und Unsicherheiten einher, die es auszuhalten gilt. Und sie verstellen bisweilen den Blick darauf, wie es sich später anfühlen könnte. Nicht selten lassen wir Dinge hinter uns, die uns lieb und wichtig, also Teil unserer Identität sind. Gut möglich, dass einem Veränderungen bisweilen auch aufgezwungen werden, wenn man nicht rechtzeitig selber ­handelt.

Wer angemessen loslassen will, dem raten Fachleute zunächst Bilanz zu ziehen. Die alten Gewohnheiten, die Beziehung oder der Job sollten dabei positiv wie negativ beleuchtet und gewürdigt werden, empfehlen die Experten. Vieles habe man dabei gelernt und nehme einiges mit ins weitere Leben. Denn Abschied, verbunden mit Würdigung und Dankbarkeit, falle leichter.

Zu Abschiedsritualen rät auch die Zürcher Psychologin Maja Storch. Insbesondere bei schweren Schicksalsschlägen, wie dem Tod eines geliebten Menschen, die unwiderrufliche Veränderungen mich sich bringen. «Da sollte man sich Zeit zum Verarbeiten nehmen und den Gefühlen freien Lauf lassen, auch wenn das schmerzhaft ist», sagt die Psychologin. «Kritisch wird es erst, wenn sich nach über einem Jahr keine Besserung einstellt. Dann rate ich, professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen.» Denn negative Gefühle und Stimmungen können auf die Dauer die Gesundheit schädigen.

Veränderungen zulassen

«Kleine Veränderungen im Alltag würde ich nur angehen, wenn ich Lust dazu habe», findet Maja Storch. «Wer Urlaub auf Balkonia machen will, soll diesem ­Bedürfnis folgen, ohne dabei ­Gedanken an abfällige Kommentare zu verlieren.» Von Veränderungen um der Veränderungen willen, wie es der umtriebige Zeitgeist bisweilen fordert, hält sie wenig. «Wenn jemand mit einer Situation zufrieden ist, soll er sie so belassen.»

Und ist man das nicht, bedarf es manchmal lediglich kleiner Korrekturen, wie beispielsweise den Blickwinkel zu ändern oder die Ansprüche herunterzuschrauben. Fachleute empfehlen beispielsweise, die Forderungen an den Partner oder an andere Lebensbereiche zu überdenken und anders zu gewichten. Und zu welchen Veränderungen im Leben sei geraten? «Ich finde, man sollte schon über den Gartenzaun schauen und sich Anregungen aus dem Umfeld holen», sagt Maja Storch. «Erfahrungen sammeln, die zu Veränderungen führen, finde ich sinnvoll.»