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Ende gut, vieles gut

Im Frühling lüften die Winzer im Bordeaux-Gebiet jeweils die ersten Geheimnisse und lassen Fassproben des neuen Weins verkosten. 2014 drohte zum Desaster zu werden, doch ein Traumherbst machte den Jahrgang gut bis sehr gut.
Pascal Froidevaux
Legende (Bild:)

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«2014 ist ein einmaliger Jahrgang wie jeder im Bordelais. Natürlich findet man immer Parallelen in der Vergangenheit, doch für uns machen Vergleiche keinen Sinn, denn mit jedem zusätzlichen Jahr unter dem biologisch-dynamischen Anbau akzentuiert sich ein fundamentaler Wandel in unserem Weingarten-Kosmos.» Kellermeister Jean-Michel Comme als Esprit von Château Pontet-Canet sorgt als konsequenter Pionier für Diskussionen und dank eindrücklicher Resultate auch für Furore.

Während kostspielige Investitionen in Prestige-Kellerbauten und High-Tech heute Hochsaison feiern, setzt er zusammen mit der Besitzerfamilie Tesseron ein eigenes Zeichen in Sachen Innovation. «Dank toller neuer Techniken bleiben qualitative Tiefflieger heute praktisch aus, allerdings erleben wir auch eine Nivellierung mit ebensolchen Limiten nach oben. Wir aber wollen hier einen Grand Vin entstehen lassen. Ein Grand Vin ist für mich ein Wein, der einen zum Weinen bringen kann.»

Der August brachte die Wende

In der Tat degustiert sich Commes blutjunge Fassprobe des 14ers himmlisch, weiss er doch die Vorzüge eines aussergewöhnlichen Jahrganges in ein traumhaftes Licht zu stellen. Dies ist kaum überraschend, hat Pontet-Canet doch im Zuge der neuen Geschichte bereits ein Niveau erreicht, das auf Augenhöhe mit einem Premier Cru liegt, als naheliegender Vergleich dient der renommierte Nachbar Château Mouton-Rothschild.

2014 war kein einfaches Weinjahr, im Gegenteil: Ein katastrophaler Sommer in dieser für die Qualität fundamentalen Jahreszeit liess ein Desaster befürchten. Doch dann kam die grosse Wende. Ab Mitte August herrschte ein traumhaftes Klima, das bis zu den letzten Erntetagen Mitte Oktober anhielt. Heisse Herbsttage mit kühlen Nächten begünstigten ein harmonisches Reifen, es bildete sich eine tendresse des saveurs, ein bezaubernd nuanciertes Aromenspiel. Integriert ist eine ozeanische Frische, welche die durch die anhaltende Trockenheit und Verdunstung verdichtete Konzentration belebt. Insbesondere dem im Médoc dominierenden Cabernet Sauvignon kamen diese Bedingungen entgegen.

Moderater Alkoholgehalt

Die Merlot-Traube litt im Sommer mehr, und das Eintrocknen am Rebstock zeigte nicht nur willkommene Seiten. Auf Château Calon-Ségur, einem der subtilsten Bordeaux aus dem nördlichen St-Estèphe, musste viel Merlot in den Zweitwein weichen, weil er mit deutlich über 15 Alkoholprozenten im Stile eines Amarone die Klassik des Schlossweins aus der Balance gebracht hätte. Die ja vielleicht verblüffendste Typizität eines Bordeaux-Grand-Cru vom linken Ufer (Médoc, Graves) ist ja der moderate Alkoholgehalt. Selbst diese in Farbe und Körper sehr tiefen Weine weisen bei einem Traum-Cru wie Château Margaux meist bekömmlich bescheidene Werte auf, beim 14er nur 13,2 Prozent. Der erhabene Kultwein Lafite unterlegt seine gelassene Souplesse gar mit schlichten 12,6 Volumenprozenten.

Bio-Weinbau im Vormarsch

Lag die 2014er-Ernte bei den Topweinen mit 30 bis 35hl/ha quantitativ unterdurchschnittlich, musste sich Lafite-Bruder Duhart-Milon-Rothschild mit einer besonders mageren Ernte bescheiden: Eine Invasion gefrässiger Weinbergschnecken dezimierte die jungen Austriebe massiv. An diesen hübschen Tierchen hatten natürlich auch die Bio-Winzer nicht eitel Freude. Ganz allgemein erfreut man sich heute aber wieder eines tierfreundlichen Weinbaus, der – wenn auch zum Teil noch etwas romantisiert – mehr Visionen zulassen dürfte als unsere Landwirtschaft. Als Landschaftspflege deklariert, entpuppt sich diese leider nur allzu oft als ein hyper-intensives Auspressen von Erde und Tieren, während hier in den Rebzeilen wieder Stimmung aufkommt: Manchenorts in Bordeaux ziehen Pferde die Pflüge.

Fasst man 2014 zusammen, kann Bordeaux einen guten bis sehr guten Jahrgang ins Geschichtsbuch einschreiben. Im Vergleich zu einem Prachtswetterjahr wie 2009 fehlt zwar die Homogenität in der Breite. Dafür dürften einige Reüssiten dank ihrer faszinierenden Spannung, welche eben genau nicht verwöhnten Jahrgängen innewohnt, kaum zu überbietende Raffinesse auf die Flasche bringen. Die kostspieligen Premiers Crus lassen wie gewohnt nichts anbrennen und werden auch in ihrer Reifephase ihren Frontplatz behaupten, auch wenn ihre noble Zurückhaltung im Moment im Schatten einiger brillanter Rassepferde der Seconds steht.

Anteile an Burgund verloren

Betörenden Schmelz, Dichte, Länge und cremige Frucht zeigt der temperamentvolle Château Léoville-Barton. Pichon-Baron, Montrose und Ducru-Beaucaillou lassen schon jetzt von einer gloriosen Zukunft träumen. Auffällig die Geschlossenheit auf höchstem Niveau der Weine aus dem Norden des Médoc, nur einige wenige haben vielleicht etwas zu viel gewollt und wirken zu eingekocht. Grossartiges produzierten auch Domaine de Chevalier aus Pessac-Léognan sowie die im Bordelais so erfreulich breit vertretenen Preis-Genuss-Perlen wie etwa die Châteaux Mille-Roses oder Couhins. Dass auch Weine mit bedeutendem Merlot-Anteil ganz gross sein können, beweist der geschichtsträchtige Premier Cru Haut-Brion oder stellvertretend für das rechte Ufer Château Canon aus St-Emilion.

Was den Markt anbetrifft, wird die Preisniveau-Frage bedeutend sein. Tatsache ist, dass der Primeur-Vorauseinkauf für den Konsumenten seit rund zehn Jahren keinen Vorteil mehr einbrachte, geplatzte Blasen etwa im überheizten Asiengeschäft führten zu Preiseinbrüchen. Kurbelte der führende Weinpapst und Bordeaux-Liebhaber Parker wie eine Lokomotive die Verkäufe immer wieder massiv an, bleibt diese Energie durch seinen altersbedingten Rückzug mehr und mehr aus. Die mittlerweile inflationär angewachsene Zahl von selbsternannten Mini-Parkers und deren ermüdende Litaneien wird das nicht kompensieren können.

Nicht zuletzt hat Bordeaux aber auch viele Anteile an das sich wieder in Hochform befindende Burgund verloren. Der Weinbegeisterte schätzt natürlich beide dieser die Weinwelt überragenden Mekkas, welche sich durch so verschiedene Tugenden auszeichnen: hier die Bergbach-klaren, komplex-blumigen reinsortigen Pinots Noirs des Burgunds, feinziseliert wie St. Galler Spitzen. Dort der dunkel-stoffige Bordeaux, wie mit festem, mit Seide und Kaschmir veredelten Tuch gewoben.

Entscheidend für die Primeur-Kampagne werden die Preise sein. Bordeaux dürfte nach den drei wenig gefragten Jahren 2011 bis 13 und einem Sinkflug der exorbitanten Preise seit 2009/10 gut beraten sein, den Kauf der 2014er attraktiv zu machen, um die (verlorene) Kundschaft zu mobilisieren. Denn so einmalig die Bordeaux-Weine sind: die Weinwelt bietet unzählige Alternativen für Weinbegeisterte, und auch das Burgund hat einen guten 2014er eingefahren.

Zwei biblische Pflanzen

«Mir geht es weder um Mystik noch um Religion», umschreibt Jean-Michel Comme seine Weinphilosophie. «Immerhin ist aber faszinierend, dass die Bibel gerade mal zwei Pflanzen prominenten Platz gewährt: dem Korn und der Rebe. Für mich ist es das ideale Paar: Das Korn nährt den Körper, der Wein, das ist die Nahrung für die Seele.» Zumindest in derjenigen Qualität, wie sie die gelungenen 14er-Bordeaux bieten werden.

Pascal Froidevaux ist Mitglied der Geschäftsleitung des St. Galler Weinhauses Martel. Er beurteilt die aktuelle Lage aufgrund von Kellereibesuchen und Fassproben aus persönlicher Sicht.

Pascal Froidevaux ist Mitglied der Geschäftsleitung des St. Galler Weinhauses Martel. Er beurteilt die aktuelle Lage aufgrund von Kellereibesuchen und Fassproben aus persönlicher Sicht.

Schöne Aussichten: Probe des 14ers mit Blick auf St-Julien, Gironde. (Bild: Pascal Froidevaux)

Schöne Aussichten: Probe des 14ers mit Blick auf St-Julien, Gironde. (Bild: Pascal Froidevaux)

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