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EINHÖRNER: Vom Regenbogen in alle Welt

Im Märchen braucht es Tapferkeit und List, um dieses Fabelwesen einzufangen. Martin Luther hat es in die Bibel eingeschmuggelt. Und es lebt noch heute: auf allen möglichen Produkten.
Bettina Kugler

Bettina Kugler

Es wärmt die Hände und macht sie streichelweich und duftig. So verspricht es zumindest der Aufdruck der silbernen Crèmetube aus dem fernen Osten, die Antonia in ihrem Adventskalender gefunden hat. Auf dem Etikett springt ein pummeliges Ross in Richtung Regenbogen. Es hat rosarote Sternchen auf dem Po, eine pastellfarbene Mähne und einen ebenso zartbunten Schweif. Rosa und Glitzer: Mädchenkram! Nicht mal das stattliche gedrehte Horn auf dem Kopf sieht wirklich gefährlich aus. Könnte es wiehern, würde es sicher sagen: Ich bin nicht dick, sondern nur fluffig.

Das niedliche Tierchen ist eines der vielen, vielen (!) Einhörner, die uns in den letzten Monaten über den Weg getrabt sind und ebenso unmissverständlich «Kauf mich!» gebettelt haben. Mit Erfolg. Als Fabelwesen sind sie seit langem unsterblich, mag es vor bald vierzig Jahren auch einen Film gegeben haben, der «Das letzte Einhorn» hiess. Wer ihn bis zum Ende angeschaut hat (denn für einen Kinderfilm ist er recht traurig, und es wimmelt darin von schrecklichen Monstern), der weiss immerhin: Dem Einhorn gelingt es, seine verschwundenen Artgenossen zurückzuholen. Tja, und damit haben viele Firmen im vergangenen Jahr eine Menge Geld verdient.

Einhorn für alle: Auf Unterhosen, Wurst und Luftmatratzen

Es gab fast nichts mehr ohne Einhorn drauf: Pullover, Shirts und Unterhosen, Schoggi, Gummibärchen, Wurst. Einhörner aus Stoff, aus Plüsch, aus Plastik. Einhorn-Luftmatratzen. Einhörner auf dem Handy, als Emojis. Damit nicht genug: Wer mag, kann auch Einhornkotze trinken und das, was sie sonst noch so absondern, naschen. Und wenn Du nirgends mehr ohne Einhorn unterwegs bist ... es soll, so haben wir gelesen, auch schon Einkaufszentren geben mit speziellem Einhorn-Parkplatz. Ziemlich verrückt! Trotzdem, ganz ehrlich:

Ein echtes, lebendes haben wir noch nicht gesichtet. Vor allem hört man in Märchen und magischen Geschichten von Einhörnern. Dass die Menschen lange dachten, es habe sie wirklich zu biblischen Zeiten gegeben, das liegt an Martin Luther. Da ist ihm nämlich beim Übersetzen der Bibel ein Schnitzer passiert. Gemeint war wohl ein Stier oder ein Auerochse. Leicht zu verwechseln sind Einhörner auch mit Antilopen, Nashörnern: Von der Seite sieht man das zweite Horn nicht.

Gift, aus dem Horn getrunken, verliert seine Wirkung

In Büchern erwähnt wurden Einhörner schon früher. Zum Beispiel berichtet der Grieche Ktesias von Knidos um das Jahr 500 vor Christus, es gebe in Indien solche Tiere. Wild, schnell und kräftig sollen sie sein – also eher nicht zum Kuscheln. Von einer Mähne in Pink ist auch nirgends die Rede. Dafür behauptet Kte­sias, das wie ein Schneckenhaus gedrehte Horn habe Heilkräfte: Wer es als Trinkgefäss benutzt, dem kann kein Gift der Welt etwas anhaben, so dachte man. Dieser Glaube hat sich lange gehalten. In Arzneibüchern aus dem Mittelalter werden immer wieder Einhörner erwähnt – auch bei der Heiligen Hildegard von Bingen. Noch heute sind manche Apotheken nach dem Fabeltier benannt. Im britischen Staatswappen steht das Einhorn für Schottland. Dort gibt es ja vielleicht auch Seeungeheuer ... nur sieht man sie im Nebel selten. Der dänische Naturforscher Olaus Wormius fand 1638 heraus, dass die vermeintlichen Einhorn-Hörner von Narwalen aus der Arktis stammen. Narwale haben auf der Stirn einen langen Stosszahn. Aber die Einhörner sind zurück, nicht nur im Spielwarengeschäft. Marktforscher sagen, das liege unter anderem daran, dass sie auch den Erwachsenen helfen, den grauen Alltag hinter sich zu lassen.

Zauberpferde im verbotenen Wald

Ein bisschen konnte man das schon daran sehen, dass Leser aller Altersgruppen in den vergangenen zwanzig Jahren J. K. Rowlings «Harry Potter»-Romane verschlungen haben. Sie sind in eine Zauberwelt eingetaucht, in der Einhörner nur eine von vielen Arten magischer Geschöpfe sind – anzutreffen im Verbotenen Wald. Durch ihre Adern fliesst silbernes Blut; natürlich hat das Horn magische Kräfte. In Zaubertränken zeigen sie ihre Wirkung. Auch in «Die unendliche Geschichte» kommt ein Stein aus diesem besonderen Horn vor: Al’Tsahir heisst er. Störrisch wie ein Esel, aber gefährlicher ist das Einhorn im Märchen «Das tapfere Schneiderlein». Es braucht eine List, um es einzufangen. Weisst Du noch, welche?

Ein weiterer Grund, weshalb das Geschäft mit Einhörnern aller Art für Kleine und Grosse so prächtig läuft: Hersteller müssen nichts dafür bezahlen, anders als bei Trendfiguren wie «Hello Kitty» oder gezeichneten Helden aus Disney-Filmen. Oder dem gezackten Blitz-Schriftzug von «Harry Potter».

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