«Eingeengt und blockiert»

Er ist Familienvater mit eigenem Haus und der Problemlöser in der Firma. Anerkannt und geschätzt. Doch dann steht er plötzlich und unverschuldet ohne Stelle und Einkommen da. Die Firma ist in den Ruin geschlittert.

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Er ist Familienvater mit eigenem Haus und der Problemlöser in der Firma. Anerkannt und geschätzt. Doch dann steht er plötzlich und unverschuldet ohne Stelle und Einkommen da. Die Firma ist in den Ruin geschlittert. Und er, der professionelle Problemlöser findet keine Lösung – so blockiert ist er durch die ausweglos scheinende Situation. In seinen Augen hat er seine eigene Daseinsberechtigung verloren. Er merkt nicht, wie Frau und Kinder ihn brauchen. In so einem Moment kann eine Schachtel Tabletten im Haus eine gefährliche Versuchung sein.

«Psychische Unfälle»

«Den Bilanzsuizid – nach einem Rückblick auf das eigene Leben – gibt es kaum», sagt Ulrike Hasselmann, Leiterin der Krisenintervention am Psychiatrischen Zentrum St. Gallen. Häufiger seien «psychische Unfälle», Fachbezeichnung für Suizide aus einer vermeintlichen Situation der Ausweglosigkeit heraus. Wie bei diesem Familienvater, der später sagen wird: «Ich stand wie neben mir. Eingeengt. Fixiert. Blockiert.»

Die Psychiaterin sagt es sachlich: «Die Situation solcher Menschen zeichnet sich aus durch eine starke psychische und gedankliche Einengung, die typisch ist für eine suizidale Situation. Es fehlt die Vielfalt an Gefühlen. Die Einengung beginnt auch in der Beziehungswelt. Dann folgt die Abschottung, die Fähigkeit zu prozessartigem Denken geht verloren, die Werte verabschieden sich ebenso wie das Interesse an sich selbst und der Umwelt.» In einer solchen Situation kann ein Kontakt zu andern Menschen eine Beziehungsarbeit ermöglichen, die neue Perspektiven schafft. Den ersten Schritt muss oft eine vertraute Person oder eine Fachperson machen, weil die direkt betroffene dazu nicht fähig ist.

Im nachhinein dankbar

Der Problemlöser überlebte die Medikamenteneinnahme und ist heute dankbar und froh, dass er lebt. Dankbar sind auch viele, die von der Golden Gate Bridge bei San Francisco springen wollten. 515 Menschen sind vom Bauwerk heruntergeholt worden, bevor etwas passiert ist. Von ihnen waren 480 auch 25 Jahre danach noch am Leben. Das zeige, sagt Ulrike Hasselmann, «dass das Abhalten von einem Suizid definitiv sein kann. Man weiss aus Erfahrungen, dass es für die Betroffenen in ihrer Situation der psychischen Einengung einen Wechsel der Suizidmethode praktisch nicht gibt.» (lö)