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EINFLUSS VON INSTAGRAM, FACEBOOK UND CO.: Blanker Busen im Wind – das war einmal

Früher war es ein Akt der Emanzipation. Heute sieht man kaum Frauen, die oben ohne sonnenbaden. In Zeiten, in denen gestylte Körper auf Facebook und Instagram zelebriert werden, hält man sich in der Badi lieber bedeckt.
Rebecca Wyss
Oben ohne am See oder in der Badi – in den späten Siebzigern das Normalste der Welt. (Bild: Keystone (Badeanstalt Tiefenbrunnen, Zürich, 2. August 1978))

Oben ohne am See oder in der Badi – in den späten Siebzigern das Normalste der Welt. (Bild: Keystone (Badeanstalt Tiefenbrunnen, Zürich, 2. August 1978))

Juli 2017 am Rheinufer. Eine Frau nestelt am Verschluss ihres Bikinioberteils herum. Auf dem Bauch liegend, die Arme nach hinten verschränkt, zieht sie ihr Top unter dem Körper hervor. Sukzessiv und langsam. Zu schnell wäre verheerend: Man würde ihren Busen sehen. Das Prozedere wiederholt sich, als sich ihre Freundinnen zu ihr gesellen. Langsam und sukzessiv und so. Am Ende liegen fünf Frauen mit der Brust nach unten auf ihren Hamam-Badetüchern. Topless. Sie sind die Einzigen. Ringsherum spannen sich überall Nylon-Streifen über die Busen wie früher die Zensurbalken über die Oberweiten der Seite-drei-Girls in den Boulevardzeitungen.

Egal ob am Fluss oder am See, – viele Frauen denken heute im Traum nicht daran, das kleine Stück Textil fallen zu lassen. Sei es auch nur, um sich für ein paar Minuten etwas Luft zu verschaffen. Wenn doch, dann meist nur in für Frauen eingerichteten Badebereichen. Zum Beispiel im Frauenabteil in der Badi Utoquai in Zürich. Dort sind es vorab Damen ab Sechzig, die mit blanken Brüsten über die Holzbretter spazieren. Oft weil sie das Bikinioberteil gar nicht dabei haben. «Junge Frauen sieht man kaum noch oben ohne», sagt Monika, 67, nahtlos braun, blaue Augen, weisses, halblanges Haar und – barbusig. Sie ist Stammkundin im Utoquai. Und sie weiss: «Es gab Zeiten, in denen die meisten Frauen oben ohne herumliefen. Überall.»

BBs «Blanke Welle» an der Côte d’Azur

Diese Zeiten nahmen in den Sechzigern ihren Anfang. Brigitte Bardot löste eine regelrechte «Blanke Welle» aus. 1968 liess sich die Schöne am Strand von Saint-Tropez ohne Oberteil ablichten. Das Sexsymbol, das vor allem die Männerfantasie anregte, wurde in der Folge zum Vorbild für die weibliche Emanzipation. Gleichzeitig verbrannten Frauen in den USA ihre BHs öffentlich. Als Symbol gegen die Männerdominanz. Dies verschaffte den Busen-Rebellinnen zusätzlichen Schub. Reihenweise machten sich nun Frauen an der Côte d’Azur halbnackig – und brachten damit die Ordnungshüter auf die Palme. Zumindest bis zum Ende der Siebziger. Ab da öffneten sich die südlichen Länder für die barbusigen Sonnenanbeterinnen. Auch wenn dem Trend mehrheitlich ausländische Touristinnen folgten.

In unbernischer Geschwindigkeit erfasste die Oben-ohne-Welle auch das Berner Marzili. 1978 tummelten sich dort sonnenbadende Topless-Mädchen. An vorderster Front dabei: der «Sonntags-Blick». Ein Reporter schrieb damals: «Was wahre Freiheit ist, können jetzt auch die Bundeshaus-Angestellten sehen, auch wenn sie einen Feldstecher zur Arbeit mitnehmen müssen.» Ausgelöst hatten die Welle die Berner Behörden, die «das ganze oder teilweise Entblössen der weiblichen Brüste in öffentlichen Badeanstalten» erlaubten. Als einzige in der Schweiz – ein nationaler Oben-ohne-Tourismus kam in Gang. Aus der ganzen Schweiz fuhren die Frauen ins Berner Stadtbad, «um ihre Freiheit zu zelebrieren».

So sieht es Barbara Gurtner. Die ehemalige Poch-Nationalrätin war regelmässiger Topless-Gast. Mit ihren zwei Töchtern an der Hand traf sie sich jeweils zum Baden mit anderen Müttern. Alle oben ohne. «Für uns war das etwas ganz Natürliches. Nichts Sexuelles», erinnert sie sich. Ob grosse Brüste oder kleine, ob asymmetrisch oder gleichförmig – das spielte alles keine Rolle. «Wir genossen die neue Selbstbestimmung und machten uns keine Gedanken darüber, wie das wirkt.» Was auf breite Akzeptanz stiess. Die Sittenwächter in der Stadt bissen jedenfalls auf Granit, als sie mit der Anti-Busen-Initiative dem schamlosen Treiben ein Ende machen wollten. Die kantonale Initiative der EDU wurde wegen eines Formfehlers für ungültig erklärt.

Kein Gesetz – Bedecktheit ist freiwillig

Vierzig Jahre später zeugen davon nur noch ältere Damen wie jene in der Badi Utoquai. «Der Marzili-Trend war für mich zuerst ein Gag», sagt Monika. Daraus entwickelte sich eine neue Selbsterfahrung, ein neues Körpergefühl. «Wir hatten damals unsere Scham überwunden, wir wurden selbstbewusster, daran wollten wir festhalten.»

Seither hat sich viel geändert. Heute sind wir auf Augenhöhe mit den südlichen Ländern. Gerade ums Mittelmeer herum ist es unter einheimischen Frauen oft ein No-Go, nur im Unterteil herumzuspazieren. In Lateinamerika schieben dem sogar Sittsamkeitsgesetze einen Riegel. Ein Beispiel dafür ging vergangenen Winter um die Welt: Drei Frauen sonnten sich an einem argentinischen Strand, ohne Bikinioberteil. Die Sache endete mit einem Grosseinsatz: 20 Polizisten versuchten sie davon zu überzeugen, sich doch bitte schön wieder etwas anzuziehen.

Bei uns gibt es keine Gesetze, die dem Oben-ohne-Baden im Weg stehen würden. Die Bedecktheit ist selbstauferlegt. Warum? Eine neue Prüderie?

Prüderie hat mit Moral zu tun. Hört man sich an den Schweizer Badeorten um, finden es die wenigsten stossend, wenn die Nachbarin am See ihr Top auszieht. «‹Free the nipple› für alle, die möchten», findet auch eine junge Frau in der Badi Utoquai. Befreit die Nippel – schön gesagt. Doch die 28-jährige Ilhame befolgt selbst nicht, was sie fordert. Ihr Oberteil lässt sie umgeschnallt, auch im Frauenabteil. Das Gleiche gilt für ihre Freundin Angelina. 26 Jahre alt. Diese findet es verständlich, dass sich viele Frauen nicht nackig zeigen. «Wenn die Brüste nicht perfekt sind, traut man sich weniger, sie zu zeigen.»

«Kein Platz für normale, unpolierte Körper»

Nicht perfekt sind hängende Brüste, solche, die nicht gleichförmig sind oder sehr klein. Die beiden werten nicht. Sie geben nur wieder, was sie und ihre Freundinnen sich denken. Vorab über sich selbst. In ihrem Freundeskreis sind es hauptsächlich die Schlanken, die auch mal das Top ablegen. Die anderen fühlen sich nicht wohl, nicht schön genug. «Man lässt sich halt auch von den Bildern auf den Social-Media-Kanälen beeinflussen. Ob man will oder nicht», sagt Ilhame.

Der Körper hat heute eine andere Bedeutung. «Er wird immer mehr zum Kapital», sagt Kulturwissenschafter Eberhard Wolff, der an der Uni Basel zum Thema forscht. Er findet, dass die Medien massgeblich zu dieser Entwicklung beitragen. Mehr noch Social-Media-Plattformen.

Durch Instagram, Facebook und Co. ist ein Raum entstanden, in dem normale, unpolierte Körper kaum noch Platz haben. Fitness-Bloggerinnen, Models und ganz normale Mädchen vermarkten darauf sich selbst, ihre Kurven, ihre Muskeln, ihre zellulitefreien, schlanken Beine. Der
Umgang mit dem eigenen Körper ist nicht mehr unbedarft oder natürlich, wie Wolff sagt. «Die Badi ist kein Ort mehr für eine unkomplizierte Form der Befreiung.»

Ilhame und Angelina legen sich hin und wieder mit blankem Busen an die Sonne. Aber nur im Frauenabteil. Hier stören sie niemanden, wie sie finden. Was früher Freiheit, Aufbruch und vor allem ein Schub fürs Selbstbewusstsein war, ist heute schambehaftet, wie die Reaktion einer anderen jungen Frau zeigt, die sich spontan ins Gespräch einschaltet: «Ich will nicht, dass andere Leute meinen Körper studieren können. Egal ob Mann oder Frau.»

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