Eine Mass Bier gegen die Angst

Dieter Reiter ist nervös. Und dies nicht etwa wegen der angespannten Sicherheitslage in München: Der Oberbürgermeister muss heute zum Fassanstich.

Christoph Reichmuth
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«O'zapft is!» – Münchens Oberbürgermeister Dieter Reiter wird heute pünktlich um 12 Uhr das erste Bierfass anstechen. Bis zum 3. Oktober wird auf dem Oktoberfest gebechert, gefeiert und geschlemmt, was das Zeug hält. Die Dimensionen der Wiesn sind gigantisch: Im letzten Jahr verschlangen die 6,5 Millionen Besucher 116 ganze Ochsen und 85 Kälber, vertilgten 59 000 Schweinshaxen und 120 000 Paar Schweinswürstl – und spülten das ganze mit 7,4 Millionen Liter Bier hinunter.

Gut möglich, dass es in diesem Jahr mehrere Ochsen und etliche Liter Bier weniger sein werden. Der Spätsommer endet just zu Beginn der Wiesn, es wird kalt und ungemütlich. Vor allem aber trübt die angespannte Sicherheitslage die Feierlaune. Im bayrischen Ansbach sprengte sich im Juli ein junger Flüchtling am Rande eines Musikfestivals selbst in die Luft, in einem Regionalzug in Würzburg ging ein 17jähriger Flüchtling mit Axt und Messer auf Zugpassagiere los. Und in derselben Woche erschütterte der Münchner Amoklauf mit neun Toten die Stadt und ihre Einwohner.

Die angespannte Sicherheitslage einfach ignorieren, das können sich die Wiesn-Organisatoren nicht erlauben. Oder wie es Dieter Reiter sagt: «Wir können nicht so tun, als wäre nichts passiert.» Die Sicherheitsvorkehrungen bei der 183. Wiesn sind massiv wie nie zuvor. Rund um das Gelände wurde ein 350 Meter langer Zaun gezogen. Die Einlasskontrollen sind streng wie bei einem Hochrisiko-Fussballspiel: Alle Besucher werden kontrolliert, Rucksäcke sind verboten. Die Polizeipräsenz wird massiv erhöht, 29 Kameras observieren das Treiben auf dem Areal.

Viele Münchner haben die Befürchtung, die Wiesn verliere deshalb nun ihren Charme. «Darüber kann man philosophieren», sagt dazu SPD-Mann Reiter. Er, Wiesn-Chef Josef Schmid (CSU) und der Münchner Polizeipräsident Hubertus Andrä wiederholen seit Tagen fast gebetsmühlenartig, es gebe keine Hinweise auf Terroranschläge, die Gefahr sei nicht grösser als sonst, es bestehe kein Anlass zur Panik. «Ich werde nicht mehr oder weniger Angst haben als in den Jahren zuvor», stellte der Oberbürgermeister klar. Nichtsdestotrotz gibt es Veranstalter und Prominente, die der Wiesn in diesem Jahr wegen der Terrorgefahr fernbleiben. «Dann gehen sie eben nicht. Na und?», lautete Reiters Kommentar.

Dennoch wird Oberbürgermeister Reiter heute ganz schön nervös sein. Allerdings weniger wegen der latenten Terrorgefahr, sondern vielmehr wegen des traditionell wichtigen Aktes heute mittag, wenn er als höchster Mann der bayrischen Landeshauptstadt das erste Bierfass anzustechen hat. «Mich ängstigt alleine das Anzapfen», verriet er denn diese Woche dem Münchner «Merkur». Die erste Mass Bier wird wohl dabei helfen, dass sich bei Dieter Reiter die Anspannung bald schon legen wird.