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Eine, die trifft

Tiere schiessen und Kindern auf die Welt helfen: Sandra Preisig ist Hebamme und Jägerin. Beides tut sie mit Leidenschaft und auf ihre ganz eigene Art.
Katja Fischer De Santi
Sandra Preisig: Eine Hebamme, die lieber im Wald auf die Pirsch geht, als Yoga zu machen. (Bild: Urs Bucher)

Sandra Preisig: Eine Hebamme, die lieber im Wald auf die Pirsch geht, als Yoga zu machen. (Bild: Urs Bucher)

Ihre roten Fingernägel wollen nicht so recht zur grünen Outdoor-Jacke passen. Wie ihre Tätigkeit als Hebamme nicht mit ihrer Freizeitbeschäftigung, dem Jagen, zusammenpassen will. «Das passt sehr wohl», sagt Sandra Preisig. Leben und Sterben; das eine ist für die Teufnerin so natürlich wie das andere. War es schon immer. Ihr Vater ist Metzger und Jäger, die Mutter Wirtin, die Nachbarn waren Bauern. Dass Tiere – auch herzige Kälber – geschlachtet und gegessen werden – das hat sie früh gelernt. «Bei uns im Keller hing schon mal ein totes Tier, das hat mich nie erschreckt.»

Cüpli, Expo und die USA

Schon Grossvater Gantenbein war Jäger, der Onkel ebenso, der jüngere Bruder, seit er 18 Jahre alt ist. Dass auch Sandra Preisig dereinst zur Flinte greifen würde, schien vorbestimmt. Ihre Tätigkeit als Hebamme weniger. Nach einer kaufmännischen Ausbildung zog es Preisig aus dem Appenzellerland in die Weite. Sie wollte Sprachen lernen, arbeitete in Fünf-Stern-Hotels auf der ganzen Welt. Lebte in Kanada und den USA, bildete sich zur Marketing- und Eventplanerin weiter. Doch dann, während der Expo, wo sie einen Pavillon betreute, war es genug. «Genug Cüpli, genug Events.» Sie wollte zurück. In die Ostschweiz, aber vor allem zurück zur Natur. Sie schrieb sich in der Hebammenschule in St. Gallen ein.

Bodenständig, nicht alternativ

Schon während der Ausbildung merkte sie, dass sie mit der alternativen «Seide-Wolle-Bast-Fraktion» unter den Hebammen nicht viel anfangen konnte. Dafür war sie zu bodenständig. Doch verbiegen wollte sie sich für ihren Traumberuf nicht. Die Konsequenz: Sie gründete zusammen mit einer Kollegin ihr eigenes Unternehmen: «Rosarot und Himmelblau». Unter der Webseite geburtsvorbreitungs-kurse.ch kann von Akupunktur, Babymassage und Hebammenhausbesuch alles, was junge Familien glücklich macht, gebucht oder geordert werden.

Ein Tag genügt

Auch einen eintägigen Geburtsvorbereitungskurs. Das sei zeitgemäss und genüge vollauf. «So viel gibt es da nicht zu erzählen.» So zielgerichtet wie sie im Wald ans Wild heranpirscht, so rational denkt sie auch als Hebamme. Sie ist keine, die nur auf Bachblüten schwört und vor Schoppenflaschen warnt. Sie verlässt sich auf ihren Instinkt. «In der Natur sind strikte Regeln sinnlos, die Situation ist entscheidend und die eigenen Ressourcen, das gilt im Wald und im Wochenbett.»

Nie um einen Spruch verlegen

Statt zu irgendwelchen Therapien zu hetzen, rät sie werdenden Müttern auch mal, sich in die Sonne zu setzen und einen gespritzten Weisswein zu trinken. «Das entspannt ungemein», sagt's und lacht schallend. Um einen träfen Spruch ist sie nie verlegen. Auch in ihren Geburtsvorbereitungskursen, die sie mit anderen Hebammen in Bern, Luzern, Zürich und St. Gallen anbietet, sagt sie, dass ein Kaiserschnitt kein Weltuntergang sei. Und wenn Schwangere befürchten, während der Geburt falsch zu atmen, dann beruhigt Preisig sie mit den Worten: «Sie atmen doch schon Ihr ganzes Leben lang, dann werden Sie es während der Geburt auch nicht vergessen.»

Gewohnt, sich zu rechtfertigen

Und wie reagieren die frischgebackenen Eltern jeweils auf die Tatsache, dass ihre Hebamme auf Tiere schiesst? «Die Mütter interessiert es in diesem Moment nicht, und die Väter würden am liebsten nur noch übers Jagen reden.» Und kommen doch mal kritische Kommentare, stellt sie sich ihnen. Routiniert erklärt sie jeweils, dass sie nicht nur ein paar Monate, sondern 365 Tage im Jahr Jägerin sei. Die Waldpflege, das Bergen von Rehkitzen, die Gespräche mit Bauern gehören auch dazu. Das Erlegen macht weniger als zehn Prozent des Jagens aus. «Nur wenn alles stimmt, drücke ich ab.» Das richtige Tier, im richtigen Alter, im perfekten Winkel. «Ich muss genau hinter der Schulter treffen.» So dass es schnell und ohne unnötigen Schmerzen sterben kann.

Verspürt sie nie Mitleid mit den Tieren? «Nein», sagt sie ohne zu zögern, «ich schiesse, um dem Wildbestand das Überleben zu sichern.» Sie tue es mit Respekt und, auch wenn das seltsam klinge, aus Liebe zu den Tieren. «Vielen Waldtieren fehlen heute die natürlichen Feinde, es kommt zu Überpopulation, das Futter wird knapp, Krankheiten breiten sich aus. Und das Ausweiden der geschossenen Tiere? «Ehrensache, dass man es selbst tut.» Sie sei nicht empfindlich. Das lerne man auszuhalten, und es lehre einem Respekt. «Zudem: Das Kälbchen auf der Schlachtbank habe genauso unschuldige Augen wie das Reh, nur sieht diese Augen niemand.»

Es geht nicht ums Töten

Völlig kaltblütig sei sie aber nicht. «Manchmal schiesse ich nicht, einfach weil ich das Tier davonspringen sehen will, weil etwas in mir sagt: Nein, den nicht.» Auch diese eine Sache des Instinkts, der Erfahrung. Beides, das Jagen und das Hebammen-Sein, sind Tätigkeiten, die man nicht aus Schulbüchern alleine erlernen kann. Die grösste Gemeinsamkeit einer erfolgreichen Jagd und einer guten Geburt sei aber das Gefühl danach: «Eine Müdigkeit und Zufriedenheit, die mit nichts auf der Welt zu vergleichen ist. Für einen Moment, bin ich dann ganz leer und nur noch dankbar.»

Verliebt in den Wildhüter

Ein Leben ohne Jagd – vor allem aber ohne den Wald – will und kann sich die 36-Jährige nicht mehr vorstellen.

Manchmal, erzählt sie, werde sie draussen im Wald «ganz verrückt vor Glück». Vor allem, wenn sie gemeinsam mit ihrem Lebenspartner unterwegs ist. Dieser ist noch viel öfter im Wald anzutreffen als die Hebamme. Er arbeitet im Kanton Bern als Wildhüter. Das sei aber Zufall, sagt sie. Er war, als man sich kennengelernt hat, noch Informatiker. Der Liebe zum Wildhüter wegen pendelt sie nun zwischen Teufen, wo sie noch immer eine Wohnung hat, und Worb hin und her. Und legt so in manchen Wochen gut 2000 Kilometer im Auto zurück. Nach solchen Tagen, sagt sie, gebe es für sie nichts Besseres als in aller Herrgottsfrühe Gewehr und Feldstecher zu schultern und sich irgendwo ganz ruhig hinzusetzen. Zu schauen, wie die Nacht dem Tag weicht, dabei tief einzuatmen und ganz bei sich zu sein. Das Jagen hat sie – die sonst nicht ruhig sitzen kann – geduldig gemacht.

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