«Eine beinahe spirituelle Erfahrung»

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Gehirnmanipulation Nicht nur die Technologieriesen im Silicon Valley tüfteln am Zugang zu alternativen Erlebniswelten. Abseits des breiten öffentlichen Interesses machen die Biowissenschaften seit Jahrzehnten Fortschritte in dem Bereich. Jedoch mit einem anderen Ansatz: Statt die Erfahrungen in eine virtuelle Welt zu verlagern, versuchen Biowissenschafter, die Wahrnehmung und Empfindung von Menschen in der realen Welt zu verändern, indem sie deren Gehirne austricksen. Was nach Science-Fiction klingt, ist längst Realität: Anästhetika und Antidepressiva sind nur zwei Beispiele von Hunderten, wie komplexe Gefühle erzeugt oder – wie im Fall von Schmerzen und Schwermut – unterdrückt werden können, indem man auf die biochemischen Prozesse im Gehirn einwirkt.

Doch damit nicht genug. 2015 haben Ärzte im Hadassah-Krankenhaus in Jerusalem eine neuartige Behandlungsmethode für Patienten entwickelt, die unter schweren Depressionen leiden. Sie setzen Elektroden im Gehirn des Patienten ein und verbinden diese mit einem winzigen Computer, der in die Brust implantiert wird. Wenn die Elektroden vom Computer einen Befehl erhalten, lähmen sie mit Hilfe schwacher Stromstösse die Gehirnregionen, die für die Depression verantwortlich sind. Die Methode sei nicht immer von Erfolg gekrönt, merkt das Forschungsteam an, doch in vielen Fällen wirke sie wahre Wunder.

Noch pflanzen Forscher menschlichen Gehirnen nur unter besonderen Umständen Elektroden ein. Die meisten Experimente an Menschen werden heute mit Hilfe nicht-invasiver Apparaturen durchgeführt. Dabei werden die Elektroden von aussen am Kopf des Probanden befestigt. Diese erzeugen schwache elektromagnetische Felder und lenken sie in spezielle Bereiche des Gehirns, um damit bestimmte Aktivitäten zu stimulieren oder zu hemmen. Im Fachjargon spricht man von transkranieller Gleichstrom­simulation (tDCS). Das US-Militär hat bereits damit begonnen, mit solchen Simulationen zu experimentieren – in der Hoffnung, die Konzentration und Leistungsfähigkeit von Soldaten zu steigern.

Effizienter studieren und fokussierter arbeiten

Eine Journalistin der britischen Fachzeitschrift «New Scientist», die die Erlaubnis erhielt, eine US-Ausbildungseinrichtung für Scharfschützen zu besuchen und die Technologie auszuprobieren, berichtete anschliessend von einer «lebensverändernden, beinahe spirituellen Erfahrung». Es sei zwar nicht so, dass sie sich klüger gefühlt oder schneller gelernt hätte, berichtete Sally Adee. «Was mir den Boden wirklich unter den Füssen wegzog, war das Erlebnis, dass zum ersten Mal in meinem Leben alles in meinem Kopf endlich die Klappe gehalten hatte. Mein Gehirn ohne Selbstzweifel, das war eine Offenbarung. (…) Ich hoffe, Sie können es mir nachfühlen, wenn ich sage: In den Wochen nach meinem Erlebnis wollte ich eigentlich nur eines, nämlich wieder zurück und wieder diese Elektroden am Kopf spüren.»

Aktuell steckt tDCS noch in den Kinderschuhen. Bislang ermöglicht sie nur für kurze Zeiträume gesteigerte Fähigkeiten, und die meisten veröffentlichten Studien basieren auf sehr wenigen Probanden. Ausserdem sind, ähnlich wie bei VR, die langfristigen Auswirkungen und Risiken noch unbekannt. Sollte die Technologie jedoch zur Reife gelangen oder eine andere Methode zur Stimulation von Gehirnen gefunden werden, würden ganz neue Türen aufgestossen. All jene, die über ausreichend finanzielle Ressourcen verfügen, könnten die Stromkreisläufe im Gehirn nicht nur manipulieren, um Soldaten besser auszubilden, sondern auch um banale, alltägliche Ziele zu erreichen. Etwa um effizienter zu studieren oder zu arbeiten – und zwar ganz ohne Ermüdungserscheinungen oder lähmenden Motivationsverlust. Die Möglichkeiten zur Selbstoptimierung würden um eine faszinierende, wenn auch gespenstische Dimension erweitert. (gr)