Ein wirklich formidabler Mechaniker

Das Hinterlicht des Velos funktioniert schon wieder nicht, obwohl ich gerade erst eine neue Glühbirne installiert habe. Ich bin ratlos und es bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Velomech des Vertrauens aufzusuchen.

Seraina Manser
Drucken
Teilen
Bild: Seraina Manser

Bild: Seraina Manser

Das Hinterlicht des Velos funktioniert schon wieder nicht, obwohl ich gerade erst eine neue Glühbirne installiert habe. Ich bin ratlos und es bleibt mir nichts anderes übrig, als meinen Velomech des Vertrauens aufzusuchen. Wortlos öffnet er mir die Türe, warme Luft schlägt mir entgegen, es riecht nach frisch aufgebrühtem Kaffee. Seine Werkstatt hat die Grösse eines Wohnzimmers. Ein riesiger Flachbildschirm steht links der Türe, zwei grosse Musikboxen hängen an der Decke. Hinten über der Theke hängen Schraubenzieher in allen möglichen Grössen, Zangen und anderes Werkzeug.

Er ist wortkarg, im Winter anscheinend noch mehr als im Sommer. Ich schildere ihm mein Problem. Wortlos hievt er das Velo in die Halterung. Er testet mit einer Batterie die Glühbirne, grübelt am Dynamo herum. Er spricht nichts, im TV läuft ein Curlingspiel, ebenfalls stumm. Der einzige Lärm stammte aus den Boxen. Da schreit einer in ohrenbetäubender Lautstärke «Formidable». Der Velomech singt leise mit, während er die Bremsen anzieht, die Kette einölt und den Pneu pumpt. Die Musik will nicht recht in die gemütliche Atmosphäre passen. Doch das Lied kommt mir bekannt vor. Er trägt das Velo vor die Türe und sagt zu mir: «Gisch mer en Schnägg.» Guter Preis denke ich und frage ihn: «Was hörst du?» Wortlos greift er zu einem Magazin, vorne drauf prangt ein Bild von Stromae. Ich schwinge mich aufs Velo, das Hinterlicht strahlt und ich singe leise: «Formidable, tu étais formidable.»

Stromae: «Formidable» Racine carrée, 2013