Ein überfallartiger Hochseilakt

«The Walk» erzählt spannend und humorvoll vom Coup des französischen Seiltänzers Philippe Petite, der 1974 in einer unbewilligten Aktion zwischen den Türmen des World Trade Centers auf einem Seil balancierte. Schwindelerregend.

Andreas Stock
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Der Traum des Seiltänzers Philippe Petite: Ein «Spaziergang» zwischen den Twin Towers, hoch über den Strassen von New York. (Bild: pd/Disney Switzerland)

Der Traum des Seiltänzers Philippe Petite: Ein «Spaziergang» zwischen den Twin Towers, hoch über den Strassen von New York. (Bild: pd/Disney Switzerland)

Allein schon die Vorstellung dürfte den meisten einen Schauer über den Rücken jagen. Philippe Petite aber versetzt es in Verzückung, ohne jede Sicherung in schwindelerregender Höhe über ein Seil zu balancieren. «Warum? Pourquoi?» – es sei immer die erste Frage, die man ihm stelle, sagt Petite zu Beginn. Der Seiltanz sei für ihn ein Akt der Kunst, des Lebens, nicht des Todes. Darum war der junge Seilkünstler und Strassenartist Feuer und Flamme, als er Anfang der Siebzigerjahre vom Bau des New Yorker World Trade Center hörte, den damals höchsten Türmen der Welt. Er, der in den Strassen und Parks von Paris immer im Geist ein Seil zwischen Bäumen oder Laternen spannt, zieht auf das Foto der Twin Towers eine Bleistiftlinie. Freilich, so ein Seilakt zwischen den Türmen ist verboten und eigentlich unmöglich. Doch Petite beginnt diesen Traum leidenschaftlich zu verfolgen.

Eine wahre Geschichte

«The Walk» von Robert Zemeckis («Back to the Future») beruht auf der Autobiographie von Philippe Petite und erzählt die Geschichte, die auch der Oscar-gekürte Dokumentarfilm «Man on a Wire» (2008) schilderte. Mit einem grossen Unterschied: Der spektakuläre Drahtseilakt des Franzosen wurde damals zwar fotografiert, aber nicht gefilmt. Wie die Doku setzt Zemeckis in der Jugend von Petite an und lässt ihn selbst erzählen: Verkörpert vom Schauspieler Joseph Gordon-Levitt, der ihm den gleichen starken französischen Akzent im radebrechenden Englisch verleiht.

Wie ein Thriller

Petite berichtet, wie er seine Freundin und Strassenmusikerin Annie (Charlotte Le Bon) kennenlernte und mit ihr, einem Fotografen sowie einem Mathematikstudenten die Seilkunst-Aktion vorbereitete. Petite profitiert dabei auch entscheidend vom Wissen des erfahrenen Hochseilkünstlers «Papa Rudy» (Ben Kingsley). Denn eines ist klar: wenn überhaupt, dann muss er die Aktion durchführen, bevor beide Türme eröffnet sind und er nicht mehr hinaufkommt.

Er will dabei ähnlich vorgehen wie bei der spektakulären Nummer zwischen den Türmen von Notre-Dame, die bereits Schauplatz seiner Seilkunst war. Als «grossen Coup» bezeichnet der unerschütterliche Philippe seinen New Yorker Hochseilakt und Robert Zemeckis inszeniert die akribische Vorbereitung auch im Thriller-Stil eines genau geplanten Überfalls. Er presst möglichst viel Spannung in diese Dramaturgie, wozu unter anderem zweifelhafte Komplizen und unerwartete Hindernisse gehören.

3D-Blick in den Abgrund

Der Film wurde zwar in 2D gedreht, aber bereits im Wissen, dass er danach auf 3D konvertiert würde. Im vorliegenden Fall war das eine visuell bestechende und sinnvolle Entscheidung. Denn die dreidimensionale Tiefe erzeugt tatsächlich ein Gefühl von Höhe, das durchaus schwindelerregend ist. Kameramann Dariusz Wolski und Zemeckis nutzen zwar 3D von Beginn weg für einige witzige, verspielte Effekte – doch sie halten sich damit zurück, den ganzen Höheneffekt zu früh zu verspielen.

«The Walk» hat zwar seine Schwächen, so überzeugen die Nebenfiguren nicht und einige Bilder neigen zum Kitsch. Trotzdem ist das tolles Unterhaltungskino, das aber nur im Kino seine Stärke ausspielt. Zu dieser Propaganda für die grosse Leinwand gesellt sich eine liebevolle Hommage an die zerstörten Twin Towers, die nochmals in ganzer Grösse auferstehen. Und denen durch den künstlerischen Seiltanz so etwas wie Poesie verliehen wurde. Die New Yorker hätten die «zwei hässlichen Kisten» nämlich erst durch den französischen Artisten liebgewonnen.

Ab heute in den Kinos