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Ein Toast auf den Proletentoast

Seit 60 Jahren gibt es den Toast Hawaii. Er stammt aus dem Nachkriegsdeutschland, und seine Geschichte enthält mehr Morbides als Exotisches. Fernsehkoch Clemens Wilmenrod gilt als Erfinder der Speise – vielleicht zu Unrecht.
Annette Wirthlin

Udo Jürgens' Songzeile gilt auch für mich: Ich war noch niemals auf Hawaii. Dafür war ich kürzlich über Mittag im Restaurant. Und ass einen Toast Hawaii, was zwar nicht das Gleiche, aber auch kein schlechter Ersatz war. Er schmeckte sehr gut, egal, ob man nun versteht, was das Zusammentreffen von Weissbrot, Schinken, Ananas und Käse auf einem Teller mit der Inselkette im Pazifischen Ozean zu tun haben soll – oder auch nicht.

Später habe ich im Internet nach einer Antwort auf diese Frage gesucht. Dass Toast Hawaii nicht etwa das Nationalgericht der Hawaiianer ist, war ja anzunehmen. Glaubt man einem Artikel der «Frankfurter Allgemeinen Zeitung» (FAZ), wurde diese Toast-Variation so benamst, weil Ananas traditionell mit den tropischen Inseln verbunden wird: Auf Hawaii begann nicht nur die moderne Plantagenwirtschaft, sondern auch die industrielle Verarbeitung der ursprünglich aus Südamerika stammenden Frucht. «In der Vorstellung der Fünfzigerjahre stand der Name der Inselgruppe also mindestens ebenso für die damals noch begehrte Dosenware wie für pralle Exotik», heisst es in der FAZ.

Simpel nachzukochen

Und in dieser Zeit, genauer 1955, wurde der Toast Hawaii in Deutschland erfunden. Es war der erste Fernsehkoch Deutschlands, Clemens Wilmenrod, der ihn als «handfesten Südseetraum» in seiner Sendung «Bitte, in zehn Minuten zu Tisch» in die noch junge Bundesrepublik einführte. So simpel das Rezept ist, so vielseitig – und mitunter morbid! – sind die Geschichten, die sich um das Gericht und seinen Erfinder ranken.

Wilmenrod, mit bürgerlichem Namen Carl Clemens Hahn, geboren 1906, war ursprünglich kein Küchenprofi, sondern Schauspieler. Nach Engagements in (Klein-)Theatern schaffte er den Sprung auf die Kinoleinwand. Unter anderem 1949 an der Seite von Johannes Heesters in «Wenn eine Frau liebt» oder in dem beklemmenden Kriegsstreifen «Entscheidung im Morgengrauen» (1951). Ab Februar 1953 flimmerte Wilmenrods Kochsendung via NWDR bzw. WDR elf Jahre lang über die deutschen Fernsehbildschirme. Die Sendung war äusserst beliebt bei den deutschen Hausfrauen. Wenn Wilmenrod ein Kabeljaufilet vorstellte, war Kabeljau für die nächsten Tage in sämtlichen Fischgeschäften ausverkauft. Dabei soll Wilmenrod am Anfang angeblich kaum in der Lage gewesen sein, vernünftig Zwiebeln zu hacken.

Dosengemüse im Trend

Doch das war nicht weiter schlimm. Hinter den Kulissen kochte seine Frau synchron mit, und die Kochtöpfe wurden in unauffälligen Momenten ausgetauscht. Bei der konsumorientierten Nachkriegsgesellschaft lagen Dosengemüse und andere Fertigprodukte sowieso gerade im Trend. Und wer braucht für Toast Hawaii schon eine abgeschlossene Kochlehre? Brot, Schinken, Ananas und Käse in der richtigen Reihenfolge aufeinanderlegen, Ofen auf, Blech reinschieben, backen, fertig. Auf die dekorative Büchsenkirsche verzichtete Wilmenrod bei seinem «Prototypen» von 1955 übrigens. Die Kirsche – soll sie mögen, wer will – wurde erst drei Jahre später in Holland dazu erfunden, für eine Gouda-Werbung im Fernsehen.

Toast Hawaii und ein Mord

Wie genau der Toast Hawaii in die Schweiz kam, ist nicht überliefert. Klar ist: An der Speise scheiden sich noch heute die Geister. So isst der Wirt, der kürzlich den leckeren Toast Hawaii auftischte, selber selten davon: «Mir hat er zu viele Kalorien, aber den vielen Bauarbeitern unter meinen Gästen scheint er zu schmecken.» Für viele Schweizer jedoch, die über das Proletenmenu die Nase rümpfen, hat Toast Hawaii noch aus einem anderen Grund einen bitteren Beigeschmack: Wer in den 80er-Jahren den ominösen Mordfall Zwahlen mitverfolgt hat, weiss, dass damals eine junge Frau getötet und in der Tiefkühltruhe versteckt wurde. Bei den Ermittlungen spielte ihr Mageninhalt – ein Toast Hawaii – eine zentrale Rolle. Wochenlang war in den Medien zu lesen, dass ein Assistent der Rechtsmedizin zu Testzwecken ebenfalls einen Toast Hawaii verzehrt hatte und dass darauf die Mageninhalte vertauscht worden waren…

Messer an der Brust

Nun aber zurück zum Toast-Hawaii-Vater Wilmenrod. Sein Verständnis von Kulinarik dürfte heutige Feinschmecker befremden. Doch seine Kochbücher wurden zu Bestsellern, und mit seiner Bildschirmpräsenz sowie mit seinen kreativen Namen für Gerichte schuf sich der Glatzkopf damals so etwas wie Kultstatus. Neben dem Toast Hawaii war auch die «Gefüllte Erdbeere» – die Füllung war eine blosse Mandel – eine Erfindung, auf die er stolz war. Er soll sich einmal sogar vor laufender Kamera ein Küchenmesser an die Brust gehalten und gedroht haben, sich zu erstechen, wenn jemand beweisen könne, irgendwo sonst von einer «Gefüllten Erdbeere» gehört zu haben.

Tja, das Thema Urheberschaft scheint bei Wilmenrod ein sensibles gewesen zu sein. Man munkelt, dass das von ihm benamste Toast-Hawaii-Rezept eines von Hans Karl Adam gewesen sein könnte. Dieser hatte Wilmenrod zu Beginn einige Grundlagen des Kochens beigebracht und wurde später selber Koch beim Bayerischen Rundfunk. Wilmenrod hatte ihm, wie die «Frankfurter Rundschau» berichtete, tatsächlich einige Rezepte abgekauft und sich mit ihm wegen des Preises zerstritten. Er kündigte ihm die Freundschaft und warf die entsprechenden Rezepte aus seinem Kochbuch. Die Toast-Hawaii-Anleitung jedenfalls sucht man darin vergeblich.

Krebserregende Stoffe?

Wilmenrod beging 1967 – im Alter von 60 Jahren – in einem Münchner Spital Suizid, ohne einen Abschiedsbrief zu hinterlassen. Er litt vermutlich an Magenkrebs. Es wäre aber ungerecht, dies einem übermässigen Konsum von Toast Hawaii zuzuschreiben. Gerüchten zufolge wird in der Kombination des Pökelsalzes (im Schinken), den Aminosäuren (des Käses) und dem sauren Milieu der Ananas zwar die Bildung krebserregender Stoffe begünstigt. Ernährungswissenschaftliche Studien haben unterdessen aber Entwarnung gegeben.

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