Ein Rücken als Zeuge

Seesicht Nichts da mit Mostindien. Auf dem Seerücken hat es viele Orte, wo sich Fuchs und Hase gute Nacht sagen. Der Hügelzug ist eine geologische Besonderheit und eine artenreiche, kleinräumige, vernetzte Landschaft mit Hochplateaus und steil abfallenden Hängen. Bruno Knellwolf

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Hier bei Salen-Reutenen muss der höchste Punkt des Seerückens sein.

Hier bei Salen-Reutenen muss der höchste Punkt des Seerückens sein.

Den Gletschern sei Dank. Den gewaltigen Eismassen, die in Millionen von Jahren das Gebirge geschliffen haben, verdanken wir diese wunderbare Aussicht: Den Blick vom Seerücken auf den Untersee hinab. Warum neiden wir den Deutschen ihr Bodenseeufer so oft? Hier, wo der Seerücken auf seinen höchsten Punkt ansteigt, steht das Schweizer Ufer dem deutschen in seiner Schönheit in nichts nach.

Schmal ist der Platz am See, der für das Dorf Berlingen übriggeblieben ist, steil die Rampe auf die Anhöhe des Seerückens. So steil, dass sich dort sogar wilde Gemsen eingefunden haben und sich so wohl fühlen, als lebten sie im Hochgebirge, erzählt der Ökologe Joggi Rieder vom Ökobüro Kaden & Partner in Frauenfeld. Von den Gemsen ist auf der Tour über den Seerücken allerdings nichts zu sehen. Schafe blöken den Fussgänger auf dem Berlinger Panoramaweg an, bunt gescheckte Kälber muhen und Bussarde kreisen am blauen Himmel.

Der Geologe Oskar Keller bezeichnet den Thurgauer Seerücken als Restberg, als Zeugenberg einer Altlandschaft. «Der Seerücken ist wie der Schienerberg auf der deutschen Seite des Untersees ein Bodensee-Hochland. Ein isolierter Einzelberg, der von Ebenen umrundet ist», sagt Keller. Entstanden ist der Hügelzug dank einer Relief-Umkehr, wie die Geologen sagen.

Teil eines Hochlands

Ursprünglich war der Seerücken Teil eines Hochlands aus Molasse, über Millionen von Jahren im Laufe der Alpenfaltung nach oben gedrückt. Aus diesem Hochland haben die Gletscher den Seerücken rausgeschliffen. «So wie auch das ganze Rheintal, das Toggenburg und das Thurtal», erklärt Oskar Keller, emeritierter Geologieprofessor an der Universität Zürich. Der Schliff beginnt ganz fein und unmerklich im Osten bereits bei Romanshorn am Bodensee und endet im Süden im Thurtal mit dem Ottenberg als Anhängsel.

Seine Besonderheit ist das flache Hochplateau mit einer obersten Schicht von Schotter: «Das Plateau ist wie eine grosse Kiesgrube. Ein verkitteter Flussschotter. Dort oben muss es einen See gehabt haben», sagt Keller. Die Gletscherform zeigt sich auch im Seebachtal am Seerücken-Fuss. Wo der Gletscher gewichen ist, sind Feuchtgebiete zurückgeblieben. An den Südhängen des Seerückens gebe es dagegen Trockenstandorte, erklärt der Ökologe Rieder. «Ein Wechselspiel von feuchten Flächen, wo das Wasser stehen geblieben ist, und trockenen Bereichen. Feuchtwälder sind auf dem Seerücken zu finden, Hecken-, Holz- und Sumpfgebiete», sagt Rieder.

Und deshalb ist diese glaziale Landschaft in ihren Naturschutzgebieten ein Ort hoher Artenvielfalt. Viele Amphibien freuen sich über die Sumpfgebiete, beispielsweise die seltene Geburtshelferkröte. Auch die Libellen fühlen sich wohl. An der trockenen Südflanke sind dagegen die Tagfalter zu Hause und viele Heuschrecken.

Eichen werden gefördert

In den Wäldern des Seerückens wird die Eiche stark gefördert. Eine Eiche ist ein riesiges Ökosystem. «Man sagt, dass eine Eiche rund 500 Tierarten beherbergt», sagt Rieder, der häufig mit dem Naturmuseum Frauenfeld zusammenarbeitet. «Die Eiche ist ein Universalbaum, hat viel Energie, grossen Wert und kann sehr alt werden.» Genau deshalb lieben ihn auch die Fledermäuse, beispielsweise das Braune Langohr, wie der Biologe René Güttinger erzählt, der diesen zusammen mit Wolf-Dieter Burkhart nachspürt. Die Langohren seien auch auf dem Seerücken unter Druck.

Rehe, Dachse, Marder, Wiesel findet man auf dem Seerücken, welche sich in der vernetzten Landschaft wohl fühlen. Nur einen Menschen sieht man kaum auf dem Spaziergang – auf der Suche nach dem höchsten Punkt des Seerückens. Dieser muss bei Salen-Reutenen liegen auf 721 Metern über Meer. Bei der Anfahrt von Lipperswil her zeigt der Höhenmesser bald 690 Meter, dann 700 und schliesslich 718: hier muss er sein, kurz vor der Ortschaft. Flach ist die Landschaft auf diesem Hochplateau, der Blick auf den See ist nicht möglich. Mais-, Zuckerrüben- und Weizenfelder wechseln sich eher kleinräumig mit Waldstücken ab. Keine intensive Landwirtschaft, keine monokulturellen Obstplantagen wie im Oberthurgau.

Gescheiterter Naturpark

«Traumhaft» nennt Rieder die Bedingungen für Flora und Fauna. Diese «unglaubliche Schönheit zwischen Thur und Untersee» habe man mit einem Naturlabel schützen wollen. Mit dem Naturpark Seerücken. Doch die Idee scheiterte am Widerstand der Landwirte. Trotzdem hofft Rieder, dass diese wechselvolle Landschaft mit so viel Qualität, mit ihren steil abfallenden Wildbächen, den Wäldern und mageren Wiesen bestehen bleibe. Und mit ihr diese wohltuende Ruhe.

Ein Werk der Gletscher zeigt der Blick vom Seerücken aus auf den Untersee bei Berlingen. (Bilder: Bruno Knellwolf)

Ein Werk der Gletscher zeigt der Blick vom Seerücken aus auf den Untersee bei Berlingen. (Bilder: Bruno Knellwolf)