Ein Papier, das im Notfall hilft

Was für körperliche Krankheiten schon lange üblich ist, gilt nun auch in der Psychiatrie: Betroffene können in einer Patientenverfügung festhalten, wie sie im Krisenfall behandelt werden möchten.

Andrea Söldi
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Lydia weiss, was es heisst, in einem psychischen Ausnahmezustand zu sein. Wegen ihrer Borderline-Persönlichkeitsstörung mit gelegentlichen suizidalen Phasen wurde die 42-Jährige schon mehrmals in einer psychiatrischen Klinik behandelt. Teilweise auch gegen ihren Willen.

Die Erfahrungen während der Klinikaufenthalte waren unterschiedlich. Manchmal fühlte sie sich gut aufgehoben und erhielt Medikamente, die ihr halfen, sich zu beruhigen. Andere Male kam sie sich unverstanden vor und litt stark unter Nebenwirkungen der Psychopharmaka. Unterdessen hat Lydia ziemlich klare Vorstellungen davon entwickelt, welche Massnahmen ihr am besten helfen und welche sie auf gar keinen Fall mehr will. Diese hat sie nun in einer Psychiatrischen Patientenverfügung (PPV) festgehalten.

Lydia ist eine der wenigen Personen mit Psychiatrie-Erfahrung, die eine PPV verfasst hat. Während Patientenverfügungen (PV) für körperliche Krankheiten bereits relativ verbreitet sind, gibt es kaum Erfahrungen mit der psychiatrischen Variante. Gesetzlich verankert sind PV erst seit Inkrafttreten des neuen Erwachsenenschutzrechts 2013. Eingehend mit dem Thema befasst hat sich die Winterthurer Psychiaterin Brigitt Steinegger. «Die PPV ist ein Instrument der Selbstbestimmtheit, die manchmal auch Zwangsmassnahmen zu verhindern vermag», ist sie zum Schluss gekommen.

Wenn man nicht urteilen kann

Sowohl bei der somatischen als auch der psychiatrischen Patientenverfügung geht es darum, Wünsche oder Anweisungen festzuhalten für den Fall, dass man im Moment der Behandlung nicht mehr urteilsfähig ist oder nicht mehr in der Lage, sich mitzuteilen. Doch es gibt auch Unterschiede: Bei der somatischen PV regelt man in meist noch gesundem Zustand die Situation am Lebensende – etwa welche lebensverlängernden Massnahmen man begrüsst und welche nicht; bei der psychiatrischen Form dagegen handelt es sich in der Regel um eine Willensbekundung von Menschen, die bereits ähnliche Situationen erlebt haben.

Viele psychische Krankheiten verlaufen in Phasen. Wenn Betroffene mitbestimmen können, wie sie im Falle einer erneuten Krankheitsphase versorgt werden möchten, kann das auch für die Behandelnden hilfreich sein. «Richten sich Fachpersonen danach, verbessert sich auch die Kooperationsbereitschaft der Patienten und somit der Behandlungserfolg», weiss Steinegger.

Im Notfall nur bedingt gültig

Im Prinzip ist eine Patientenverfügung für das Behandlungsteam verbindlich. Doch im Notfall müssen Ärzte handeln können. So ist das auch in der Psychiatrie. Und: Im Falle einer fürsorgerischen Unterbringung (kurz: FU) hält das Gesetz fest, dass die PPV lediglich berücksichtigt werden muss. Eine FU kann bei Selbst- oder Fremdgefährdung angeordnet werden.

In der Regel seien PPV aber durchaus realistisch formuliert, sagt Brigitt Steinegger. So das Ergebnis aus einer Befragung von über 600 Fachpersonen und Betroffenen. Eine PPV sollte man nicht alleine im stillen Kämmerlein ausfüllen. Damit sie anwendbar wird, sollten eine Vertrauensperson sowie eine klinisch tätige Fachperson dabei sein. Missbilligt etwa ein Verfasser sämtliche Medikamente, werden sie ihm klarmachen, dass es in akuten Erregungszuständen nicht möglich ist, darauf zu verzichten. Sinnvoller wäre, festzuhalten, welche Medikamente er am besten verträgt.

Reflektieren beim Erstellen

Ein wichtiger Nutzen der PPV entstehe gerade durch den Prozess des Erstellens, führt Steinegger aus. Die Beteiligten reflektieren die Möglichkeiten der Behandlung gemeinsam. «Dabei entstehen gegenseitiges Verständnis und Vertrauen.»

Lydia hat ihre PPV bis jetzt noch nie gebraucht. In den letzten zwei Jahren musste sie nicht mehr in die Klinik. Trotzdem hat sie das Papier stets bei sich und aktualisiert es jedes Jahr. Kopien hat sie sowohl beim Hausarzt, ihrer Psychiaterin sowie in der Klinik hinterlegt. «Das Dokument gibt mir Sicherheit», sagt die selbstbewusst wirkende Frau.