Ein Maulkorb gegen das Ersticken

Endlich ist mein Sohn drei Jahre alt! Endlich darf ich ihm Spielzeug schenken! Bis jetzt war das ja verboten. Denn eine Warnung steht auf so gut wie jeder Spielzeug-Verpackung: «Nicht geeignet für Kinder unter drei Jahren».

Roger Berhalter
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Für Bettina Kugler (Bild: Roger Berhalter)

Für Bettina Kugler (Bild: Roger Berhalter)

Endlich ist mein Sohn drei Jahre alt! Endlich darf ich ihm Spielzeug schenken! Bis jetzt war das ja verboten. Denn eine Warnung steht auf so gut wie jeder Spielzeug-Verpackung: «Nicht geeignet für Kinder unter drei Jahren». Oft begleitet von den Reizworten «verschluckbare Kleinteile», die mir als Vater wohl die Kehle zuschnüren sollen. Und damit ich's auch ganz sicher begreife, prangt daneben noch ein rotes Verbotszeichen: «0–3», deutlich durchgestrichen.

Mein Sohn hat längst den Umgang mit dem Verbotenen erlernt. Er stapelt Bauklötze (scharfe Kanten!), klettert auf Kinderstühle (Sturzgefahr!) und wirft Bälle (Verletzungsrisiko!). Er darf also Spielzeug benutzen. Hätte ich mich tatsächlich an all die Warnungen gehalten, hätte der Kleine bis jetzt nur mit Plüschtieren gespielt. All die Geschenke von all den Verwandten hätte ich gleich wieder entsorgen können – «verschluckbare Kleinteile». Sie wissen schon. Wahlweise auch spitze Ecken, brennbares Material, Gift in der Farbe, Weichmacher im Plastik: Irgendeine Gefahr findet sich immer, wenn man nur lange genug sucht.

Genau betrachtet, ist das Leben nur selten für Kinder unter drei Jahren geeignet. In der Natur wimmelt es von verschluckbaren Kleinteilen. Vor lauter Erstickungsgefahr müsste ich dem Kleinen jeweils einen Maulkorb umbinden, bevor wir das Haus verlassen. Und überhaupt: Auch für Erwachsene ist das Leben nur selten geeignet. Arbeiten? Viel zu stressig. Autofahren? Viel zu gefährlich. Auswärts essen? Viel zu hohes Vergiftungsrisiko. Da bleibe ich lieber daheim und spiele mit den Plüschtieren.