Ein Lebenskreis schliesst sich

Das Tessin trauert um den Tod eines grossen Künstlers. Während seiner langen Karriere hatte Dimitri, der «Clown aus Ascona», in seinem Heimatkanton aber nicht nur Freunde.

Gerhard Lob/Ascona
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Dimitri im Mai 2014 vor dem «Casa del Clown» in Verscio, wo die Ausstellung «Mondo del Clown» eröffnet wurde. (Bild: ky/Carlo Reguzzi)

Dimitri im Mai 2014 vor dem «Casa del Clown» in Verscio, wo die Ausstellung «Mondo del Clown» eröffnet wurde. (Bild: ky/Carlo Reguzzi)

Am vergangenen Samstag trat Dimitri auf dem Monte Verità von Ascona auf. Auf dem Programm stand die Premiere des Freilichtspiels «Träume eines anderen Lebens», das die Ansiedelung der Lebensreformer vor über 100 Jahren genau an diesem Ort thematisierte. Für Dimitri war das Spiel am Originalschauplatz ein Eintauchen in die eigene Geschichte. Seine Eltern waren im Umfeld der damaligen Monteveritaner ins Tessin gekommen. Er spielte den legendären Karl Vester, dessen Sohn Carlo seine Schwester Ninon geheiratet hatte. Vester, ein Kauz mit Rauschebart, als Verkäufer salzlosen Brots. «Es ist nicht so leicht, jemanden, den man gut gekannt hat, zu interpretieren. Ich rette mich dadurch, dass ich diesen originellen Menschen clownesk darstelle», hatte Dimitri gesagt. Oft genug hatte er in seiner langen Karriere betont: Ich bin ein Clown, kein Schauspieler. Die Lacher am Premierenabend hatte er auf seiner Seite.

Hartnäckig gearbeitet

Mit dem Freilichtspiel schloss sich in gewisser Weise der Lebenskreis Dimitris. Denn in Ascona kam er 1935 unter dem bürgerlichen Namen Dimitri Jakob Müller auf die Welt. In der Schule, das erzählte Dimitri gerne, sei er ein Desaster gewesen. Nur in Zeichnen und Gymnastik war er gut. Schon mit sieben Jahren fasste er den Entschluss, Clown zu werden, orientierte sich früh an der Anthroposophie Rudolf Steiners.

Hartnäckig arbeitete Dimitri an seiner Karriere. Ab 1959 trat er in Soloprogrammen auf. Zudem malte er und trat als Sänger von Volksliedern in Erscheinung. 1961 erfolgte die Hochzeit mit Gunda Salgo, die Frau, die viele als treibende Kraft und entscheidende Stütze hinter seinem Erfolg sehen. Drei der vier Kinder wurden ebenfalls zu erfolgreichen Bühnenkünstlern: Masha, Nina und David. 1975 gründete Dimitri mit seiner Frau die Dimitri-Schule, mittlerweile eine Akademie für Bewegungstheater und Teil der Fachhochschule der italienischen Schweiz. «Mit der Schule wurde eine Utopie Realität», erinnerte sich gestern Oliviero Giovannoni, ein Musiker und langjähriger Weggefährte Dimitris.

Er fühlte sich als Weltenbürger

Dimitri bezeichnete sich als apolitisch, unterstützte aber immer humanitäre Aktionen und Menschenrechtsaufrufe, zeigte sich auf der Seite von Flüchtlingen, setzte seine Unterschrift unter etliche Appelle. In seinem Heimatkanton wurde Kritik am Gutmenschen laut. Und nicht selten war die Aufforderung zu hören, er solle sich doch darauf beschränken, «den Clown zu machen».

Dimitri fühlte sich stets als Weltenbürger. «Ich liebe das Multikulturelle», sagte er. Solche Aussagen fanden im Tessin nicht immer Beifall, wo er – trotz seiner Zweisprachigkeit Italienisch/Deutsch und Kindheit in Ascona – als «Deutschschweizer» etikettiert war. Das erging auch dem Theater Dimitri in Verscio so, das lange als Ort für Deutschschweizer galt.

Ins wilde Centovalli zurückgezogen

Das Theater stellte im übrigen zuletzt eine psychische Belastung für seinen Gründer dar. Die Stiftung hatte entschieden, auf Anfang 2016 eine Neuausrichtung unter der neuen Theaterdirektorin Kami Manns in die Wege zu leiten. Dimitri kam mit vielen Neuerungen nicht zurecht, fürchtete um sein Lebenswerk. Es entstand ein Machtkampf, in dessen Folge der Verwaltungsrat der Stiftung – mit Ausnahme der Mitglieder der Familie Dimitri – Ende Juni zurücktrat.

Privat hatte sich Dimitri schon vor Jahrzehnten in ein einsam stehendes Haus im wilden Centovalli zurückgezogen. Die Natur dort war für ihn ein Ausgleich zum urbanen Leben während der zahlreichen Tournées und Gastspiele im In- und Ausland. Den Tod fürchte er nicht, sagte er letzten September aus Anlass seines 80. Geburtstages während eines langen Gesprächs in seinem Haus in Borgnone. Aber er habe Angst vor Krankheit, Leiden oder langem Siechtum. Es blieb ihm erspart. Sein Wunsch ging in Erfüllung.

Emil Steinberger Komiker (Bild: ky)

Emil Steinberger Komiker (Bild: ky)