Ein Leben mit wenig Barrieren

Behindertenrechte werden in den USA als Bürgerrechte verstanden. Sie ermöglichen heute Millionen von Menschen mit einer Behinderung ein erfülltes Leben. 95 Prozent von ihnen besuchen normale Schulen.

Thomas Spang/Washington
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Behindertengerechter Alltag: Die Trottoirs sind in New York so abgesenkt, dass auch Rollstuhlfahrer über die Strasse kommen. (Bild: fotolia)

Behindertengerechter Alltag: Die Trottoirs sind in New York so abgesenkt, dass auch Rollstuhlfahrer über die Strasse kommen. (Bild: fotolia)

Stephanie träumt von allem, was sich amerikanische Teenager wünschen. Sie möchte einen Freund finden, viele Kollegen haben, zum College gehen und später in einem spannenden Job arbeiten. Am besten irgendetwas mit Kunst. Nichts von alldem fühlt sich für die 16jährige Schülerin der «Luther Burbank Highschool» in Kalifornien ausser Reichweite an.

Obwohl sie seit Geburt weder ihre Arme noch ihre Beine gebrauchen kann. Ihre Lehrerin Elizabeth Villanueva erzählt einem Reporter der «Sacramento Bee» von ihrer ersten Begegnung mit dem aufgeweckten Mädchen im Klassenzimmer. «Ich fragte sie, wie ich ihr helfen kann», erinnert sich die Pädagogin, wie sie ratlos vor dem Rollstuhl stand. «Steck ihr einfach einen Stift in den Mund», riet ihr ein Mitschüler, für den Stephanies Anwesenheit völlig normal war. Zu ihrem Erstaunen sah die Lehrerin, wie gut ihre «Mundschrift» war. Und nicht nur das. Die Schülerin brillierte in Leistungskursen für Spanisch, Englisch und Geometrie. Stephanie ist eine von 70 mild- bis schwerstbehinderten Kindern, die zu der 1700 Schüler grossen High School gehen.

Toleranz und Akzeptanz

Ihr Vater meint, seine Tochter sei nur deshalb so weit gekommen, weil sie seit dem zweiten Schuljahr mit nichtbehinderten Kindern gemeinsam lernen konnte. «Seit ich in eine Regelschule gehe, fühle ich mich normal», sagt auch Stephanie, die vor der «Inklusion» einen Kindergarten für Behinderte und ein Sonderschulprogramm besuchte. Aber auch ihre Mitschüler profitierten von der Erfahrung, in einem Umfeld aufzuwachsen, das Toleranz und Akzeptanz fördert. Dass heute nach einer Statistik des US-Bildungsministeriums 95 Prozent aller rund 6,5 Millionen sehgeschädigten, gehörlosen, verhaltensgestörten, körperlich oder geistig behinderten Schüler Regelschulen besuchen, geht auf ein Gesetz zurück, das in diesem Jahr seinen vierzigsten Geburtstag feiert.

Rechtsanspruch auf Zugang

Mit dem «Individuals with Disabilities Education Act» (Idea) von 1975 gehören die USA zu den internationalen Vorreitern der Inklusion, die beispielsweise in Deutschland erst seit 2009 gesetzlich verankert angestrebt wird. Sie gibt den Betroffenen das Recht, in der «am wenigsten einschränkenden Umgebung» und bis «zur maximalen Angemessenheit» mit nichtbehinderten Kindern unterrichtet zu werden. Damit verbunden ist der Anspruch auf eine individuelle Betreuung von der Früherkennung im Alter von unter zwei Jahren bis zum Ende der High School.

Den amerikanischen Traum leben

Zusätzlichen Biss erhielten die Behindertenrechte, als Präsident George W. Bush vor 25 Jahren im Rosengarten des Weissen Hauses den «Americans with Disabilities Act» (Ada) unterzeichnete. Nicht wenige sehen darin das grösste Erbe seiner Präsidentschaft. «Es ist eine der grossen Bürgerrechts-Errungenschaften in der amerikanischen Geschichte», lobt die republikanische Politikerin Cathy McMorris Rodgers aus Washington das Gesetz. «Es hat Millionen Menschen, wie meinem Sohn Cole, die Chance gegeben, den amerikanischen Traum zu leben.»

Wie sich in den Regelschulen die Türen öffneten, erhielten Behinderte seit 1990 einen Rechtsanspruch auf ein Leben mit immer weniger Barrieren. Vom Zugang zu öffentlichen Verkehrsmitteln, Parks und Gebäuden über abgesenkte Bürgersteige, erreichbare Theken und Wasserhähne bis hin zu technischen Bedienhilfen.

Dabei verfolgt das Gesetz eine evolutionäre Strategie. Bestehende Schranken müssen beseitigt werden, so weit es finanziell und technisch machbar erscheint. Neue Gebäude und Einrichtungen müssen dagegen von Anfang an behindertengerecht geplant werden.

Abgesenkte Trottoirs in Manhattan

Ronnie Raymond hat am eigenen Leib erlebt, wie in ihrer Umgebung immer mehr Barrieren verschwanden. Vor dem Inkrafttreten des neuen Gesetzes habe sie niemanden mit einem Rollstuhl im Bus gesehen, erinnert sich die an Multipler Sklerose erkrankte New Yorkerin im Gespräch mit dem renommierten «Christian Science Monitor». Der Grund liegt für sie auf der Hand. «Die meisten haben es nicht einmal bis zur Bushaltestelle geschafft.» Das ist heute anders.

In Manhattan sind die Trottoirs fast überall so abgesenkt, das Rollstuhlfahrer über die Strasse kommen. Jede fünfte U-Bahn-Station ist behindertengerecht nachgerüstet, und es gibt 5700 Busse, die auf Personen mit besonderen Bedürfnissen eingestellt sind. Nicht alles ging reibungslos über die Bühne. Wie andere Bürgerrechte musste vieles erst vor Gericht erstritten werden. Aber Ada und Idea lieferten eine Basis für erfolgreiche Klagen, die Amerika bei den Rechten für Behinderte ganz nach vorne katapultiert haben.

Die grösste Barriere bleibt der Zugang zum Arbeitsmarkt. Zwei Studien der Cornell und der Princeton University zeigen, dass potenzielle Arbeitgeber Behinderte oft genug als «teuer» und «wenig kompetent» wahrnehmen. Was erklären mag, warum 2014 nach einer Statistik des «National Bureau of Labor Statistics» nur 17,1 Prozent aller behinderten Amerikaner einen Job hatten.

Erstaunliche Karrieren

«Wir haben hier bisher nicht viel bewegt», klagt Gary Arnold von der Behinderten-Lobby «Access Living». Nichts von dem, was versucht wurde, habe funktioniert. Arnold macht für die fehlende Inklusion am Arbeitsplatz festsitzende Stereotypen verantwortlich. «Historisch werden Menschen mit einer Behinderung als Leute gesehen, die nicht arbeiten», sagt die Behinderten-Vertreterin. Wie falsch dieses Klischee ist, zeigen in den USA erfolgreiche Karrieren wie die des partiell gelähmten Präsidenten Franklin D. Roosevelt oder die Werdegänge von Microsoft-Mitbegründer Bill Gates und Finanzmagnat Charles Schwab, die beide an Lese-Rechtschreib-Schwäche leiden.

«Ein Gesetz kann viel bewegen», meint Lennard Davis von der University of Illinois, der ein Buch über die Geschichte der Entwicklung der Behindertenrechte in den USA geschrieben hat. Wichtiger sei aber, «dass die Leute ihre Herzen öffnen und ihre Einstellungen verändern». Hier gebe es noch viel zu tun.