Ein fescher, bayrischer Exportschlager

Jetzt sind sie wieder überall: Frauen in hübschen Dirndln. Das Münchner Oktoberfest hat den Aufstieg eines Modestils befördert, der vor einer Generation noch belächelt wurde. Vor 15 Jahren trugen am Oktoberfest noch nicht einmal die Servierdamen Dirndl.

Katja Fischer De Santi
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Bilder von jungen, hübschen Frauen in bunten Dirndln gehen dank des Oktoberfestes in München jedes Jahr um die ganze Welt. Doch historisch gesehen hat das Dirndl mit Bayern äusserst wenig zu tun. (Bild: epa/Felix Hoerhager)

Bilder von jungen, hübschen Frauen in bunten Dirndln gehen dank des Oktoberfestes in München jedes Jahr um die ganze Welt. Doch historisch gesehen hat das Dirndl mit Bayern äusserst wenig zu tun. (Bild: epa/Felix Hoerhager)

Ein kurzer Rock, eine Schürze darüber, ein exzellent in Szene gesetzter Busen, dazu die obligate Flechtfrisur; fertig ist der beliebteste Exportschlager aus München seit es die Weisswurst und Weizenbier gibt. Die Frau im Dirndl kann heutzutage an jedem beliebigen Bier-und-Wurst-Anlass von München über Dubai bis nach Frauenfeld gesichtet werden. Denn wo ein Dirndl ist, da ist die Freud nicht weit und der Mann in Lederhosen meist ganz nah.

Ob billig in Asien produziert, massgeschneidert aus dem Trachtenladen oder von Designern entworfen, die Dirndlindustrie läuft wie geschmiert. Doch was macht dieses bäuerische Kleidungsstück so erfolgreich, dass sich auch Schweizerinnen gerne darin blicken lassen?

Nichts für Mägde und Bäuerinnen

Um es gleich richtigzustellen; traditionell ist am heutigen Dirndl ausser der Schürze nichts mehr. In so freizügigen Kleidchen wie sie die Oktoberfest-Besucherinnen heutzutage vorführen, wäre sich eine alpenländische Bauersfrau des 19. Jahrhunderts halb nackt vorgekommen. Und arbeitstauglich wäre so ein Prachtkleid auch nicht gewesen.

Trotzdem schwingt die bäuerische Herkunft selbst im kürzesten Dirndl noch mit und lässt es unschuldig wirken. «Volkstümliche Kleidung wird als sehr unverbraucht wahrgenommen, weil sie jeder nach Belieben mit Sehnsüchten aufladen kann», schreibt die deutsche Ethnologin Simone Egger. Sie hat sich in mehreren Arbeiten mit dem Phänomen der «Wiesntracht» auseinandergesetzt. Für die Wissenschafterin hat der Dirndl-Boom, welcher vornehmlich durch junge Frauen gefördert wird, aber vor allem einen Grund: «So ein Dirndl ist einfach unglaublich kleidsam.»

Kurven kommen toll zur Geltung

Kaum einer Frau, der ein Dirndl nicht steht, kaum ein Mann, dem der Anblick einer Dame in ebendiesem nicht ausserordentlich gefällt. Selbst androgyne Frauen wirken darin weiblich und wer Kurven hat, kann diese wirkungsvoll zur Geltung bringen. Der Busen wird durch den engen Schnitt des hoch angesetzten Mieders mit dem meist viereckigen Ausschnitt optimal betont, der Gang wird aufrechter. Im Gegenzug verhüllt die A-Linie des Rockteils Problemzonen geschickt.

Dirndl ist Mode und keine Tracht

Iris Heeb, Mitarbeiterin des Trachtenmodehauses Romoda in Appenzell sagt, dass Dirndln bei Frauen jedes Alters und jeder Figur beliebt sind. «Wir haben unser Angebot in den letzten Jahren stetig ausgebaut.» Mit dem Aufkommen der vielen hiesigen Oktoberfeste und der Schlagerfestivals gebe es immer mehr Anlässe, an denen Frau ein Dirndl tragen könne. «Selbst Einheimische, welche im Schrank eine traditionelle Appenzeller Tracht hängen haben, sind sich nicht zu schade, für eine Hochzeit oder einen Geburtstag in ein Dirndl zu steigen.» Zumal eine echte Tracht um ein zigfaches teurer ist als ein Dirndl, welches schon ab 150 Franken zu haben ist.

In einem aber bleibt die Trachtenverkäuferin standhaft: «Dirndl und Trachten dürfen nicht vermischt werden. Tracht ist Tracht. Dirndl ist Dirndl.» Niemals würde eine Ausser- oder eine Innerrhoderin an einem Alpaufzug ein Dirndl tragen. «Das wäre äusserst unpassend.»

In der Tat hat das Dirndl, welches im Ausland gerne als bayrische Tracht verkauft wird, wenig mit einer Tracht gemeinsam. «Das, was man als Dirndl bezeichnet – ein Kleid mit engem Oberteil, weitem Rock und Schürze –, ist eine Erfindung der modernen Modeindustrie», schreibt die Kostümforscherin Alexa Bender auf ihrer Webseite. Die älteste Abbildung, die sie kenne und die mit dem Begriff Dirndl einhergehe, finde sich in einer Modezeitschrift von 1917. «In einer in Berlin verlegten Modezeitschrift, wohlgemerkt», betont Bender.

Geschneidert für die «Sommerfrische»

Das, was man heute als Dirndl versteht, kam in den 1930er-Jahren in Deutschland auf: Die bessere Dame, die sich eine «Sommerfrische» auf dem Land erlauben konnte, gefiel sich in pseudoländlichen Puffärmeln und feschem Schnürmieder. Schon damals war das Dirndl eine Art Verkleidung, ein modisches Kostüm im besten Sinn. Anders als bei Trachten gibt es deshalb auch keine engen Regeln, was ein Dirndl ist und was nicht. Es hat keine lange und stolze Vergangenheit, die nun beschmutzt würde, wenn es die halbe Welt zum Bierfest trägt. Und selbst die Verbindung Oktoberfest und Dirndl hält einer genaueren Betrachtung nicht stand. Es ist noch keine 15 Jahre her, da trugen die meisten Besucher einfache Freizeitbekleidung zum Schunkeln im Bierzelt. Moses Wolff, Münchner und Autor des Wiesn-Buches «Ozapft is!», schreibt, dass man früher ein Exot gewesen sei, wenn man in Tracht auf der Theresienwiese erschienen sei. «Heute bist du einer, wenn du keine trägst.»

Da weiss Frau, was sie anziehen muss

Der aktuelle Dirndl-Höhenflug begann etwa um das Jahr 2000. Wie bei allen Massentrends gibt es auch beim Dirndl-Boom eine soziologische Dimension: Der Weltbürger sehnt sich nach Beständigkeit. In der Modewelt, die sich immer schneller dreht, liegt es da nahe, sich auf traditionelle Kleidung zu besinnen. Da können auf den zeitgleichen Fashion Weeks die Models in noch so modernen Entwürfen über die Laufstege wandeln, am Oktoberfest weiss Frau, was sie anziehen soll – und ist froh darum.

Und wer sich gleich kleidet, der signalisiert, dass man die gleichen Werte verkörpert – auch wenn diese nur darin bestehen, gemeinsam eine feuchtfröhliche Zeit zu haben.

Leben wie Oma, aber mit Internet

Das Dirndl passt perfekt zur «Landliebe»-Welle, welche das Leben auf dem Land, das Einfache und scheinbar Traditionelle heraufbeschwört. Selbst Brot backen, Gemüse anpflanzen, ein bisschen Leben wie einst die Grossmutter, aber bitte mit Internetanschluss und bezahlten Überstunden. Weltoffen und konservativ zugleich.

Und eben: So a Madl in nem Dirndl is einfach fesch.

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