Ein etwas hässliches Ding

Wie der englische Hochadel vor genau 800 Jahren den König in die Schranken wies und dabei die Grundlage legte für den modernen Rechtsstaat: die grosse Magna Charta.

Sebastian Borger
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Schön ist es hier, zumal an diesem milden englischen Sommertag. Gut, alle paar Minuten dröhnt ein Jet im Anflug auf Heathrow vorbei, vom Tierheim auf dem Hügel hört man Hunde heulen. Die «unberührte Landschaft», von der die Touristenbroschüre schwärmt, erlebt nur, wer sich die Ohren verstopft und nicht auf die Strasse schaut, auf der dauernd Autos und Lastwagen tosen. Vielleicht sitzen deshalb die älteren Herrschaften so malerisch an der Themse, den Blick fest aufs andere Ufer des hier schmalen Flüsschens gewandt. Ihr Gehör wird auch nicht mehr das beste sein, wirken sie doch, als sässen sie ungefähr 800 Jahre an diesem Fleck.

Der bedrohte König

Dann hätten sie miterlebt, wie sich die idyllische Wiese von Runnymede im Juni 1215 in ein Feldlager für Tausende englischer Hochadeliger, ihre Streitkräfte und Bediensteten verwandelte. Bürgerkrieg lag in der Luft, dem ungeliebten König Johann auf der nahen Burg von Windsor gingen die Verbündeten aus. Tagelang ritten die Verhandlungsdelegationen hin und her, bis ein Kompromiss zustande kam, der den Adel zufriedenstellte. Am 15. Juni stellte sich der Monarch höchstselbst in Runnymede ein und verlieh dem Schriftstück Gültigkeit, indem er sein Siegel daran hängte – schreiben konnte der damals 48-Jährige nicht.

Magna Carta war geboren, jene «grosse Charta», von der sich mit Recht sagen lässt, sie habe das Prinzip der Gleichheit vor dem Gesetz etabliert. Das galt natürlich nur für Adelige und Vermögende, von Bauern und Handwerkern, geschweige denn Frauen war nicht die Rede.

Bleibende Folgen

Und doch stehen zwei der insgesamt 63 Klauseln des sperrigen Dokuments, in dem auch Fischreusen in der Themse und die Vormundschaft für minderjährige Erben erörtert werden, bis heute im englischen Gesetzbuch. Artikel 29 diente durch die Jahrhunderte Aufständischen als Argument gegen die Tyrannei, wurde zur Grundlage von Verfassungen und Freiheitserklärungen: «Kein freier Mensch soll verhaftet, ins Gefängnis geworfen, seiner Güter beraubt, geächtet, verbannt oder auf andere Weise geschädigt werden, es sei denn durch das gesetzliche Urteil von seinesgleichen oder nach dem örtlichen Gesetz.»

Festliche Umzüge

Heute kommt eigens Königin Elizabeth nach Runnymede und gedenkt mit mehr als tausend Ehrengästen des Moments, als der jahrhundertelange Wandel vom Gottesgnadentum zur konstitutionellen Monarchie begann. Rund um die Kathedralen von Lincoln und Salisbury, wo je eine der vier erhalten gebliebenen Kopien der Charta aufbewahrt werden, gibt es Umzüge.

Am Standort der beiden verbliebenen Pergamentstücke, der British Library, geht eine Ausstellung der Wirkungsgeschichte des Augenblicks von Runnymede nach. Da liegt die Charta unter Panzerglas – «ein trübes, etwas hässlich aussehendes Ding, ohne Zeichnungen oder Randbemerkungen», wie die Autoren Danny Danziger und John Gillingham in ihrem vergnüglichen Buch «1215» urteilen. Sowohl Ausstellung wie die schier unüberschaubare Fachliteratur erörtern die Vorgeschichte, die das Geschehen von Runnymede erst möglich machte. In der Geschichte englischer Monarchen gibt es manche Nichtskönner, Lüstlinge und Minderbemittelte, doch reicht an Johann niemand heran. «Selbst die Hölle wird noch schlimmer werden durch Johanns Anwesenheit», rief ein Zeitgenosse, Chronist Matthew Paris, dem Verstorbenen hinterher.