Ein Erdbebenland

Das St. Galler Rheintal gehört zu den am meisten erdbebengefährdeten Regionen der Schweiz, wie die neuste Einschätzung zeigt.

Bruno Knellwolf
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Die Erdbebengefährdung in der Schweiz nach dem Modell 2015: Je röter, desto mehr Gefahr. (Bild: SED)

Die Erdbebengefährdung in der Schweiz nach dem Modell 2015: Je röter, desto mehr Gefahr. (Bild: SED)

Eine erdbebenfreie Zone gibt es nicht in der Schweiz. Das macht Stefan Wiemer klar. «Die Schweiz ist ein Erdbebenland», sagt der Direktor des Schweizerischen Erdbebendienstes SED. Das wird deutlich, wenn man einen Blick auf die neue Erdbeben-Gefährdungskarte wirft, welche der SED gestern in Zürich vorgestellt hat. Das Modell zeige auf, wo und wie stark in den nächsten fünfzig Jahren Erdbeben auftreten könnten.

Dabei fallen die roten Zonen auf. «Am meisten gefährdet sind das Wallis, dann der Raum Basel, Graubünden und das St. Galler Rheintal», sagt Wiemer. Neu ist das nicht – die Einschätzung der einzelnen Regionen hat sich im Vergleich zum ersten Gefährdungsmodell im Jahr 2004 nur leicht verändert. Jetzt allerdings sind zehn Jahre intensiver Forschung in dieses Erdbeben-Gefährdungsmodell 2015 investiert worden. Es basiert auf Kenntnissen der Tektonik und Geologie, Informationen über die Erdbebengeschichte, Schadensbeschreibungen sowie Modellen der Wellenausbreitung nach einem Beben.

Keine Alarmstimmung

Neue Rechenmodelle, neu bewertete historische Erdbeben-Daten und verbesserte Technik der Überwachung der Bodenbewegungen sind in die neue Gefährdungskarte 2015 eingeflossen. Diese bestätigt, dass ein Erdbeben in der Schweiz eine Gefahr sein kann, wenn auch die Forscher des SED deswegen keine Alarmstimmung verbreiten. Das neue Modell zeige aber, dass das Engadin stärker gefährdet sei als bisher angenommen.

In Zukunft wolle man am SED nun eine Erdbeben-Risikokarte erstellen. Denn Gefährdung ist nicht gleich Risiko. Dieses hängt von verschiedenen Faktoren ab: Von der grundsätzlichen seismischen Gefährdung des Ortes, der Bodenbeschaffenheit des Untergrundes sowie der von einer Erschütterung betroffenen Werte und deren Verletzbarkeit. Wiemer rechnet vor: Gäbe es in Basel ein Erdbeben der Magnitude 6,6 wie im Jahr 1356 hätte das fatale Folgen. Gemäss dem SED könnte ein solches Beben zwischen 1000 und 6000 Tote und 45 000 Verletzte fordern. «Erdbeben sind die Naturkatastrophen mit dem grössten Schadenspotenzial», sagt Wiemer.

Bruchvorgänge in der Erdkruste

Beben entstehen durch Bruchvorgänge in der Erdkruste. Dabei wird Energie frei in Form von Wellen. Diese Wellen breiten sich aus und werden in Häusern als Erschütterung wahrgenommen. Darauf reagieren die Baunormen, die im Jahr 2004 aufgrund des ersten Gefährungsmodells angepasst worden sind. Das machte sich bezahlt, sagt Blaise Duvernay vom Bundesamt für Umwelt, der die Schweizerische Ingenieur- und Architekten-Vereinigung SIA vertritt. «Wir haben aufgrund des neuen Gefährdungsmodells eine erste grobe Analyse der aktuellen Baunormen gemacht. Die zeigt, dass kein dringlicher Bedarf besteht, die SIA-Normen anzupassen», sagt Duvernay. «Das freut die Bauingenieure.»

Für Neubauten sei die Erdbebensicherheit auf hohem Niveau und auch die meisten bestehenden Gebäude hätten einen Mindestschutz. Für Altbauten gebe es ebenfalls eine Norm, die zeige, wie man bei einem Umbau oder einer Sanierung ein Haus erdbebensicherer machen könne. Allerdings liege die Umsetzung in der Hand der Kantone und in der Eigenverantwortung der Bauherren. Wie viele Gebäude ungenügend gesichert seien, könne er nicht genau sagen, er rechne aber nicht mit mehr als fünf Prozent. «Man hat investiert in den letzten zehn Jahren und viele Häuser ertüchtigt», sagt Duvernay.

Das hat sich schon dramatischer angehört: Im Jahr 2008 hatte Professor Alessandro Dazio vom Institut für Baustatik und Konstruktion der ETH Zürich noch erklärt, bei 90 Prozent der Gebäude in der Schweiz wisse man nicht, ob sie einem Erdbeben standhielten.

So explosiv beurteilen die Experten das heute nicht mehr, sie warnen aber davor, die Erdbebengefahr zu unterschätzen. Exponierte Bauwerke wie Staudämme, Spitäler und Kernkraftwerke würden allerdings sowieso speziell analysiert.

Bis Stärke 6 im Rheintal

Bleibt die Frage, warum das St. Galler Rheintal gefährdeter ist als andere Regionen? «Weil es dort eine Verwerfungszone gibt, die aktiviert werden kann. Deshalb muss man dort mit einer Erdbebenstärke zwischen 5 und 6 rechnen», sagt Wiemer. Eine exakte Erdbebenprognose, also wann und wo genau es rüttelt, wird es aber weder für das Rheintal noch für andere Gebiete der Welt geben.

Wiemer erzählt, wie die Prognose vor zehn Jahren noch der «Heilige Gral der Erdbebenforschung» gewesen sei, vor allem in den USA. In Kalifornien habe man mit Bohrungen in den San-Andreas-Graben versucht, einen möglichen Auslösemoment zu bestimmen. «Aber es gibt Phänomene in der Natur, die sind nicht vorhersehbar», sagt Wiemer. Schützen kann man sich aber schon, das wiederum liege im Geschick der Bauingenieure, sagt Duvernay.